"Gedanken sind nicht stets parat, man schreibt auch, wenn man keine hat."  Wilhelm Busch                                                                         


Paternoster, der Du bist unser Fahrstuhl des Lebens…

Ich erinnere mich, dass in einem Berner Sportgeschäft lange Zeit ein Paternoster in Betrieb war. Ein Lift also, bei dem sich mehrere Einzelkabinen im ständigen Umlaufbetrieb befinden.

Wenn ich mich recht entsinne, war’s der letzte seiner Art in der Schweiz und wurde 2014 ausser Betrieb genommen.

Wenn immer möglich, hüpfte ich als kleiner Junge herzklopfend in eine der nie stillstehenden Kabinen und drehte zwei, drei vertikale Runden. Ich erinnere mich an das leise Bangen, wie das wohl oben gehen wird, oben, beim Wendepunkt. Ob man da nicht zerquetscht werden würde?

ist nicht auch das Leben irgendwie ein Paternoster?

Wer weiss denn schon, wann und wo der höchste Punkt des Lebens, der Wendepunkt einer Karriere erreicht ist? Oder der Tiefpunkt? Wer weiss, wann Aussteigen, wann Weiterfahren angezeigt wäre?

Man besteigt also irgendwann eine dieser Kabinen und hofft, dass sie möglichst immer aufwärts fährt.

Vielleicht steigt man irgendwann im Stockwerk „Zufriedenheit“ aus, freut sich des Lebens, hat einen gewissen Wohlstand erreicht, hat eine Familie gegründet, hat Freunde…

Dummerweise hat man aber immer wieder diesen Paternoster im Auge, dieses ewige Auf und Ab der Kabinen. Was wäre wohl weiter oben noch möglich?

Seltsamerweise ist’s vorwiegend die Frage nach dem „weiter oben“. Obwohl man auch die abwärts fahrenden Kabinen sieht. Und auch die sind doch mit Menschen besetzt, mit „Verlierern“.

Aber irgendeinmal obsiegt die (Neu-)Gier, der Wunsch nach „Nochmehr“. Und schliesslich besteigt man den Paternoster erneut, freut sich auf den Aufstieg.

Aber wieviel jetzt riskieren? An wievielen Ausstiegsmöglichkeiten jetzt vorbeifahren, weil weiter oben vielleicht ein noch lukrativeres Stockwerk lockt?

Ist dann die Unvernunft schuld, die einen den rechtzeitigen Ausstieg verpassen lässt? Oder ist’s Pech, dass der obere Wendepunkt früher erreicht ist, als man gehofft hat?

Denn auf einmal geht’s wieder abwärts. Und gemeinerweise viel rasanter als vorher aufwärts. Zudem scheint es auf der Fahrt nach unten viel weniger Ausstiegsmöglichkeiten, Notausgänge zu geben.

So fährt man denn tiefer und tiefer hinunter, begleitet von der Reue, nicht früher ausgestiegen zu sein, sich nicht mit etwas weniger zufrieden gegeben zu haben.

Und falls man nicht resignierend bereits in den Kellergeschossen ausgestiegen ist und mit dem Schicksal hadert, keimt die Zuversicht, dass der Paternoster irgendwo auch einen unteren Wendepunkt haben muss, der Lebens- und Erfolgslift irgendwann also auch wieder nach oben führt…

© Peter Pesche Leu, 17.8.2017


Über das Kolumnisieren

Man vernimmt ja als Kolumnenschreiberling eher selten, ob die Aufsätze überhaupt gelesen werden, geschweige denn, wie sie ge- oder missfallen haben.

Umso erstaunter war ich, dass mein letzter Beitrag über Tanz-, Segel- und Tauchkurse gleich Legionen von Leserinnen und Lesern zu Reaktionen herausforderte.

Sage und schreibe sechs Mails wurden mir geschrieben, drei Personen sprachen mich persönlich auf die Kolumne an, wochenlang konnte ich mich nicht mehr unerkannt durch die Hügel des Emmentals bewegen. Ich wurde auf Schritt und Tritt beobachtet, man versuchte in meinen Gesichtszügen zu lesen und allen Leuten war die grosse Besorgnis um mein Seelenheil auf hundert Meter gegen den Wind anzumerken. Zudem erhielt ich drei Offerten von Anwälten und je ein Beistandsangebot eines reformierten Pfarrers und eines katholischen Priesters.

Ganz viele Leute (sicher waren es ungefähr zwei bis drei Personen) spendeten mir Trost, und im Briefkasten fanden sich etliche rosarote und himmelblaue Briefumschläge, enthaltend Heiratsanträge einsamer Damen.

Allen gemeinsam war die Sorge um meine Ehe, ja, etliche sahen sie bereits als gescheitert an, zumal man mich ab und an nur in Begleitung meines Hundes des Weges gehen sah.

Ich will mich an dieser Stelle für das erwiesene Mitgefühl, die tröstenden Worte und die diskrete Neugier meiner riesigen Kolumnenlesergemeinde herzlichst bedanken. Und ich darf Euch alle (die rosa- und hellblauschreibenden Damen  wahrscheinlich ausgenommen) beruhigen, trotz Tanz-, Segel-, Tennis- und Doppelzweierruderkurs ist unsere Ehe weder gefährdet, noch hat sie in irgendwelcher Form Schaden erlitten. Wir halten zusammen wie Pech und Schwefel, sind glücklich und zufrieden.

Zugegeben, in allen meinen Kolumnen steckt ein Funke Wahrheit. Meine äusserst geistreichen und wohlformulierten Aufsätze basieren immer auf persönlichen Beobachtungen und Erlebnissen. Aber dann geht halt jeweils die Fantasie und Fabulierlust mit mir durch. Und schliesslich, und das soll zu meiner Entschuldigung hier einfach mal deutsch und deutlich geschrieben sein, muss ich ja irgendwie und einigermassen glaubhaft auf die redaktionell geforderten 2500 Zeichen (inkl. Leerschläge) kommen.

Und ganz so einfach, wie das mein Kolumnenschreiberkollege Oscar Wilde einst behauptete, geht’s dann doch nicht. Ich zitiere:

„Ich verstehe nicht, weshalb man soviel Wesens um die Technik des Kolumnenschreibens macht. Man braucht doch nur die Feder in ein Whisky-Glas zu tauchen.”

Ich hab’s für diese Kolumne also zuerst mit Whisky, dann mit Grappa und schliesslich mit Wein probiert. Allerdings habe ich jeweils nicht die Feder eingetaucht, sondern die Getränke inwendig angewendet. Ich hoffe jetzt einfach, dass man es dieser Kolumne nicht anmerkt.

© Peter Pesche Leu, 20.6.2017


Beziehungsspaltereien

Wie in der letzten Kolumne versprochen, komme ich heute auf das Thema Tanzkurs und weitere paargefährdende Freizeitangebote zurück.

Bezüglich Tanzkurs muss ich unbedingt vorausschicken, dass ich mich als begnadeten und äusserst eleganten Kreativtänzer bezeichne (was meine Frau gnadenlos als Umschreibung für Tanzstümper mit zwei linken Füssen abtut). Diese Ignoranz meinen Künsten gegenüber rührt von meiner, ich geb’s ungern zu, ausgeprägten Führungsschwäche her. Ich könnte umgekehrt ja auch die mangelnde Anpassungsfähigkeit meiner Frau ins Feld, pardon, auf das Tanzparkett führen. Eine unumstössliche Tatsache ist und bleibt nämlich, dass es meine Partnerin einfach nicht schafft, bei meinen intuitiv gestalteten und höchst vollendeten Pirouetten, Seit-, Vor-, Rück-, Tief- und Hochschritten, geschweige denn bei meinen spektakulär eingestreuten Rittbergern und Doppelaxel mitzuhalten.

Um chronischen tanzbedingten Krisen vorzubeugen gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: 1. konsequenter Verzicht auf jegliche Tanzerei oder 2. der Besuch eines Tanzkurses.

Wir haben uns fahrlässigerweise für Variante zwei entschieden, ich heimlich hoffend, dass die Lehrer ihr die bemängelte Anpassungsfähigkeit vermitteln.

Aber man fiel mir grausam in den Rücken und gab ihr Abend für Abend zu 100 (in Worten: hundert) Prozent recht!

War ich jeweils sicher, richtig gezählt und mit dem korrekten Fuss begonnen zu haben, funkelten mich die Augen meiner angetrauten Gegenüberin bereits zornig an, bloss weil ich schon nach dem ersten Schritt auf ihren Zehen parkierte. Daraufhin folgten jeweils heftige Diskussionen, welche rund einen Drittel der vorgesehenen Kurszeit beanspruchten und durch die Tanzlehrer nur mit allergrösstem diplomatischem Geschick beendet werden konnten.

Eigentlich sollten Tanzschulen nur dann eine Betriebsbewilligung erhalten, wenn die Anwesenheit von Blauhelmtruppen garantiert wird und sich die Lehrer im Tanznebenamt als qualifizierte Scheidungsanwältinnen und Friedensrichter ausweisen können.

Inzwischen haben wir zu Variante 1 (Tanzverzicht) gewechselt. Ersatzweise versuchten wir’s mit einem Segelkurs.

Ich verstehe allerdings nicht, weshalb der Segellehrer nach rund 30 Minuten, scheinbar völlig entnervt, mitten auf dem See eine Badeleiter an die Reling hängte und uns mit den doch recht unfreundlichen Worten „zu den Haien mit Euch“ zum sofortigen Bade aufforderte. Dabei hatte ich mit meiner Frau doch bloss ein bisschen darüber diskutiert, wie man fachmännisch einen Knoten in eine Schnur macht…

Beim besagten Bad im See wurden wir übrigens einsichtig. Inzwischen besuchen wir nämlich einen Tauchkurs und – ob Sie’s glauben oder nicht – wir sind unter Wasser noch kein einziges Mal laut geworden!

© Peter Pesche Leu, April 2017


Gemüts-Oasen

Auf meinen Bürotischen türmt sich ein beeindruckendes Papiergebirgsmassiv unerledigter Arbeit auf. Seit Wochen betrete ich das Büro deshalb nur noch in Begleitung eines erfahrenen Bergführers und ausgerüstet mit einem Lawinensuchgerät. Es könnte ja sein, dass der Berg ins Rutschen kommt und unsere Zweierseilschaft unter sich begräbt. Als weitere Vorsichtsmassnahme habe ich vor dem Büro einen Helikopterlandeplatz eingerichtet und die Gönnermitgliedschaft bei der REGA für zwei Personen gelöst.

Und – ich habe zwei wichtige Erkenntnisse gewonnen! Erste Erkenntnis: Selbst wenn ich täglich sechzehn Stunden arbeitete, der Berg würde nur unwesentlich kleiner. 

Zweite Erkenntnis: Wenn ich mir tägliche Auszeiten (ich nenne sie mittlerweile Gemüts-Oasen) gönne, wächst andererseits der Berg trotzdem nicht übermässig.

Statt mich also schleichend und trendig einem Burnout zu nähern, zeige ich dem Gebirgsmassiv nun regelmässig den Stinkefinger und fläze mich (sinnbildlich gesehen) in die Hängematten meiner  Gemüts-Oasen. Nein nein, da liegt kein Schreibfehler vor, ich gönne mir Abwechslung, knüpfe meine Hängematte an die Palmenstämme unterschiedlichster Gemüts-Oasen-Destinationen.

Da ist zum Beispiel die tägliche Arbeit mit meinem Hund, oder die gemeinsamen Nachtessen mit meiner Frau (für Abendarbeiter keine Selbstverständlichkeit).

Und inzwischen habe ich gar meine langjährige Drohung wahrgemacht und bin Mitsänger eines Jodler Klubs. Die wöchentlichen Proben in geselliger Atmosphäre machen Spass, wirken äusserst blutdrucksenkend und stellen jeden Betablocker in den Schatten. Wen wunderst’s, schliesslich besingt man in den allermeisten Liedern ganz ernsthaft frühlingshafte Glücksgefühle, schöne Landschaften und glockenbehängte Kühe. Inzwischen habe ich gar die konzertante Feuertaufe ohne nachfolgenden Klubausschluss überstanden.

Eine weitere Gemüts-Oase stellt die wöchentliche Mathematik-Lernstunde dar. Eigentlich ist’s mein Weihnachtsgeschenk an meine Frau, aber es ist zwangsläufig auch meine Teilnahme erforderlich. Zum allgemeinen Verständnis muss ich vielleicht noch hinzufügen, dass der Mathematik-Kurs als Tanzkurs getarnt daherkommt. Eine ausführlichere Berichterstattung über diese Form von Stress-Bekämpfung liefere ich Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt. Versprochen!

Eine weitere Art von Gemüts-Oase ist übrigens auch das Schreiben einer Kolumne. Der Effekt ist der Gleiche, Gedanken an die Arbeitsberge im kämen einer Ablenkung vom Wesentlichen gleich, man muss sich voll auf die Geschichte, auf die Sprache konzentrie…

Entschuldigen Sie bitte, Guschti, mein Bergführer drängt zum Aufbruch! Heute bezwingen wir den 379 cm hohen Piz Faktura!

© Peter Pesche Leu, 2.3.2017


Zuversicht

Und schon wieder wechselt die Jahreszahl. Mir scheint, ich hätte erst vor ein paar Wochen meine Gedanken zum letzten Jahreswechsel zu Papier gebracht und schon schaue ich erneut auf 366 ereignisreiche Tage zurück.

Dass es ein gutes Jahr gewesen sei, können wohl nur die ganz Hartgesottenen behaupten. Denn auch wenn man persönliche Erfolge feiern konnte; auch wenn man weder von Krankheiten noch von Unfällen betroffen war; auch wenn man weder Hunger leiden noch Geldsorgen haben musste – die vielen schrecklichen Nachrichten, welche uns tagtäglich aus aller Welt erreichten, mussten dem Wohlbefinden jedes mitfühlenden Menschen mächtig zusetzen. Ich werde mich jedenfalls ohne jegliche Wehmut vom alten Jahr verabschieden.

Leider aber wird sich an der himmeltraurigen Weltlage auch durch den Jahreswechsel nichts ändern. Es werden weiterhin Tausende auf der Flucht sein, es werden weiterhin brutale Kriege geführt werden, es wird zu weiteren Terrorakten kommen. Und Hungersnöte, Überschwemmungen, Dürren und Stürme wird es auch im neuen Jahr geben.

Soll ich mich trotzdem auf das 2017 freuen? Ich glaube, ich lasse diese Frage bis Ende Dezember 2017 unbeantwortet. Ich nehme weiterhin Tag für Tag und versuche in erfolgreichen Momenten nicht überheblich, in bedrückenden Situationen nicht depressiv zu werden. Ich bin zuversichtlich, dass es mir gelingen wird, mit Anstand durch die Tage zu kommen. Ich bin zuversichtlich, dass es mir gelingen wird, in glücklichen Zeiten immer auch derer zu gedenken, denen es grad nicht so gut geht. Und ich bin zuversichtlich, dass es mir gelingen wird, meine persönlichen Tiefs im Wissen darum, dass es ganz vielen Menschen stets noch viel viel schlechter geht, zu relativieren. Und ich bin zuversichtlich, dass ich ab und zu die Fähigkeit haben werde, irgendwie, irgendwo, irgendwem ein bisschen Freude zu schenken.

Ich weiss, das sind keine besonders spektakuläre Vorsätze, schon gar keine konkreten Pläne. Es sind lediglich Hoffnungen, oder besser gesagt: es ist die Zuversicht! Und schliesslich ist ja die Zuversicht, der Möhre gleich, die an der Rute vor des Esels Nüstern hängt,  unser Antrieb!

Ihnen liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich also ganz viel Zuversicht, etwas Demut, gute Gesundheit, Toleranz und Grosszügigkeit, Wachheit und Sorgsamkeit. Ich bin zuversichtlich, dass wir, ausgerüstet mit diesen „Eigenschaften“, alle zusammen die Welt ein wenig heller machen können und in einem Jahr, mit etwas Zufriedenheit (nicht zu verwechseln mit Selbstzufriedenheit) auf das 2017 zurückblicken werden.

© Peter Pesche Leu, 4. Jänner 2017


Nebulöses

Viele Leute mögen Nebel lediglich dann, wenn sie sich oberhalb der Nebelgrenze befinden und ihren Blick über wabernde Nebelseen und –meere schweifen lassen können.

Ich jedoch, bin bekennender Nebeltieftaucher. Während der gemeine Wassertaucher sich an Korallenriffs und bunten Fischen ergötzt, entdecke ich den Zauber der Unternebelwelt.

Nebel hat etwas Schlichtendes, Weiches, Einhüllendes, etwas Geheimnisvolles und Zauberhaftes. Die Welt wird klein, löst sich im Nebel auf, wird verschluckt, Weite wird zu grauem Nichts. Würde übrigens immer noch das Weltbild der Antike gelten, nämlich dass die Welt eine Scheibe sei, man würde jetzt ganz vorsichtig weitergehen, um im Nebel ja nicht über die Erdscheibenkante in die Tiefe zu stürzen.

Dichter Nebel verwandelt vertrauten Wald unvermittelt in einen märchenhaften Zauber- und Geisterwald. Baumstrünke scheinen grossen Schildkröten gleich durch das Grau zu kriechen, Büsche werden zu Hexen und Trollen. Ausgerissene Wurzelstöcke gefallener Bäume ähneln vielarmigen Landkraken, lauernden Drachen oder gestrandeten Walfischen. Kürzlich begegnete ich gar einem Säbelzahntiger. Bei näherer Betrachtung entpuppte sich dieser allerdings als blosser Asthaufen.

Bei einem meiner Nebeltauchgänge stiess ich auf eine schwarz-weisse Kuh. Mitten in einer Villen-Siedlung, wo eine Kuh eigentlich nichts zu suchen hat. Beim näher kommen zeigte sich dann allerdings, dass die Kuh bloss ein Kehrichtcontainer war, aus dem ein grosses Stück Sagex herausragte. Und neulich entdeckte ich ein prächtig glitzerndes, märchenhaftes Kristallschloss. Und aus diesem heraus ritt auf ihrem Rappen die Prinzessin, sie ritt direkt auf mich zu und - verwandelte sich in den bärtigen Fahrer eines Gabelstaplers, der Kristallpalast wurde zum schnöden, hell erleuchteten Baumarkt.

Nebeltauchgangentdeckungen bleiben einmalig. Keine dieser Augentäuschungen lässt sich wiederholen. Der Container mit Sagex wird nie mehr Kuh, der Asthaufen nie mehr Säbelzahntiger, der Gabelstaplerfahrer nie mehr reitende Prinzessin.

Sollten Sie in der Silvesternacht übrigens weisse Mäuse gesehen haben, waren Sie möglicherweise anderweitig umnebelt.

Apropos Silvester: Ich wünsche allen Lesern alles Gute für das frisch geschlüpfte Jahr. Und ärgern Sie sich nicht über gelegentlichen Nebel, setzen Sie stattdessen die Nebeltaucherbrille auf und tauchen ein ins zauberhafte Nebelmeer.

© Peter Pesche Leu, 28.12.2016


Mit VerLaub

Bald werden sie geschlagen sein, die Laubbläserschlachten, von kleineren Scharmützeln gegen verspätet gefallene Blätter einmal abgesehen.

Kaum begannen die Bäume ihr Laub zu verlieren, rüsteten die Hauswarte und Hausbesitzer kriegsmässig auf, schnallten ihre motorisierten, lärmigen Monstergebläse an den Rücken und bliesen zum Angriff. Notabene nicht selten in den frühen Morgenstunden, damit die Hauseingänge und Parkplätze ja rutschsicher begangen werden können. Da wurde wohl manch einer gelegentlich unsanft aus dem Schlaf geblasen.

Da trieben diese schwerbewaffneten Lärmer also gefallenes Laub vor sich her (sofern dieses nicht regengenässt hartnäckig am Asphalt zu kleben pflegte) um es auf Nachbars Grundstück zwischenzulagern. Zwischenlagern deshalb, weil der nächste Windstoss ihre Putzwut gleich wieder zunichtemachte und den Laubhaufen zurückblies. Und tat’s nicht der Wind, so sorgte der ebenfalls bläserbewehrte Nachbar dafür, dass die Dürrblätterei umgehend wieder zurückgeflogen kam.

Klügere und friedliebendere bliesen die Blätter auf die Strasse und hofften, dass die Strassenwischmaschine möglichst vor dem nächsten Gegenangriff des Windes dahergefahren kommt und das Laub definitiv entsorgend einsaugt.

Ganz selten, aber wirklich ganz selten, war da ab und zu mal ein Mensch zu entdecken, der die Blätter mit dem guten alten und handbetriebenen Laubrechen zu einem Haufen zusammenharkte und dann in den bereitgestellten Kompostcontainer beförderte. Ich fand sogar Leute, die wischten! Mit Besen!

Diesen Laubrechern und Laubwischern gehört meine uneingeschränkte Hochachtung, ja, Verehrung. Sie sind die Helden und Märtyrer des Herbstes. Glauben Sie mir, ich weiss, wovon ich schreibe. Wie oft doch habe ich in meiner Jugend den Vater ins Pfefferland gewünscht, weil er mich hiess, ums Haus herum zu wischen. Kaum hatte ich jeweils ein Häufchen dieser widerspenstigen Blätter zusammengekehrt, blähte Aiolos, der Gott der Winde, seine Backen und liess hinterhältig einen Windstoss in mein mühsam errichtetes Häufchen fahren, die Blätter aufwirbelnd und wieder ums Haus herum verteilend.

Unter uns gesagt: Sisyphus‘ Strafe bestand nicht darin, auf ewig und vergeblich einen Steinblock auf einen Berg wälzen zu müssen, richtig ist vielmehr, dass er im Herbst bei stürmischen Winden Blätter zusammenwischen musste!

© Peter Pesche Leu, 27.11.2016

 

 


Die gemeine Platzitis

Ich weiss nicht, ob die gemeine Platzitis (lat. Gaudium loco) auch im Emmental grassiert. In der Agglomeration Bern scheint sich diese Krankheit jedenfalls schier epidemisch auszubreiten. Befallen von diesem Virus werden offenbar hauptsächlich Tiefbauämter, Stadtplaner und Quartier-Leiste.

Lässt sich irgendwo ein Plätzchen finden, kocht bei besagten Ämtern und Personen die Gestaltungswut hoch.

In meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt es zum Beispiel eine Strassenkreuzung, welche eine Art Dreieck bildet. In deren unnützer Mitte eine entsprechend dreieckige Fläche, an deren beiden längeren Schenkeln je zwei, am kürzeren Schenkel ein einzelner Autoparkplatz markiert ist (war). Das Ganze fantasielos asphaltiert und durch zwei Fussgängerstreifen solcherart erschlossen, dass man einigermassen unüberfahren von der einen Strassenseite via Inseli zur Bäckerei auf der anderen Seite der Kreuzung gelangen konnte.

Eines Tages war nun aber eine auffällige Betriebsamkeit rund um dieses trostlose Fleckchen zu beobachten. Schwere Blumenkisten, bepflanzt mit üppig blühenden Edelgeranien (lat. Pelargonium Grandiflorum) wurden hingestellt und machten auf einen Schlag einen Arm der Kreuzung inklusive zweier Parkplätze zur autofreien Zone und den kürzlich frisch aufgemalten Fussgängerstreifen höchst überflüssig. Zwei Tage später wurden auf die ehemalige Vollinsel und jetzige Halbinsel lastwagenweise Holzschnitzel gekippt, eine gemütliche Holzbank wurde montiert und mangels eines gewachsenen Baums, wurde die neugeschaffene „Parkanlage“ mit einem eingekübelten Oleanderstrauch verziert.

Weil Hund und Katzen die holzschnitzlige Oase höchstwahrscheinlich sofort zwecks Verrichtung ihrer Notdurft entdeckten, wurde der Quartiernaherholungsort kurzerhand mit einem ROBIDOG - Hundekot-Entsorgungssystem ausgestattet. Zudem wurde ein schönes Schild angebracht, welches stolz verkündete, dass dieser Platz der neue Quartiertreffpunkt sei und vom Leist gestiftet wurde. Inzwischen kämpfte die Bäckerei bereits um ihr Überleben, weil die idyllisch beschenkten Quartierbewohner der entfernten zwei Parkplätze wegen ihr Brot nun anderweitig einkaufen.

Ein paar Tage lang veränderte sich nichts mehr, aber es sass auch nie jemand auf der Bank zwischen Oleander und Robidog. Irgendetwas schien noch zu fehlen. Und siehe da, die Planer, Tiefbauämter und Leist-Vorstände wurden fündig und werteten den Quartiertreffpunkt mit einem Freiluft-Schach und -Mühlespiel gewaltig auf.

Vergnügt sich entspannende Menschen sah ich dort trotzdem noch nie. Lediglich einen Hundetrainer, der zwei Hunden geduldig das Schachspiel beibringen wollte. Er hatte nach der Abschaffung des obligatorischen Hundekurses offenbar schnell und erfolgreich ein neues Kursangebot kreiert. Sollten ihn andere Hundetrainer nachahmen, wäre das Umgestalten weiterer Kreuzungen und Parkplätze dringend nötig. Es lebe die gemeine Platzitis!

© Peter Pesche Leu, 4.10.2016


Gratis zum Mitnehmen

Ich brauche dringend mehr Platz! Ich suche eine 13-Zimmer-Villea! Mindestens zwei bis drei Badezimmer, zwei Küchen, drei Schlafzimmer, drei Wohn- und Esszimmer sollten es schon sein. Ein Gartensitzplatz in der Grösse eines Tennisfeldes, ferner Platz für rund 12 Gartenbeete, dazu rund drei Jucherten Rasen, einige Büsche, ein Geräteschuppen und eine grosse Werkstatt wären eine cheibe gäbige Ergänzung.

Nein, der Wohlstand ist nicht plötzlich ausgebrochen beim Leu, Notstand trifft’s wohl besser, denn ich weiss nicht mehr wohin mit meinem kostbaren Hab und Gut!

Dabei hat alles so klein und harmlos angefangen.

Auf meinem täglichen Hundespaziergang kam ich öppe mal an verlockenden Angeboten vorbei. Ein Zeitungständer zum Beispiel, ein verchromter Toaster, ein Vogelkäfig – alles schön beschriftet: „Gratis zum mitnehmen!“. Hier ein Stuhl, da ein Sofa, dort ein Kühlschrank - es ging nun nicht mehr zu Fuss, ich musste die trottoirisierten Gegenstände wohl oder übel mit dem Auto abholen.

Tische, Betten mit und ohne Matratzen, Kochherde, Mikrowellen, Rasenmäher, Swimmingpool-Pumpen, Bücherregale, Fernseher, eine Bandsäge – auch mein Auto erwies sich bald einmal als zu klein, ein Anhänger musste her.

Hollywoodschaukeln, inzwischen sind’s schon drei Stück, zwei Kaninchenställe, drei Stereoanlagen (eine funktioniert übrigens noch einwandfrei), ein Vertikutierer, fünf Ständerlampen, ein Laubbläser, zwei Multifunktionsküchenmaschinen, ein grosser Laubbläser, eine Waschmaschine, ein Werkzeugkoffer (nicht komplett), drei Auszugsleitern, fünf Motorsägen, ein Hobelbank, eine Tiefkühltruhe, zwei Lavabos (eins mit, eins ohne Armaturen, beide mit Blätzen ab)…

Ich habe mir inzwischen längst einen 40-Tönner-Sattelschlepper zugelegt um die ausgesetzten Möbel, Geräte und Maschinen einzusammeln und schaue mich zur Zeit sogar nach einem grossen Lastenkran um. Und äbe, nach einer grossen Villa!

Die umfangreiche Aussteuer liess sich, wie vorstehend beschrieben, mehr oder minder komplett am Strassenrand finden. Nun suche ich bloss noch nach ein paar kleinen Teilen, damit ich all das Zeugs auch verwenden kann: z.B. ein Entfeuchtungsgerät, denn zwei Sofas und eine Matratze standen im strömenden Regen und schimmeln stinkig vor sich hin. Beim einen Mixer fehlt der Messereinsatz, für die Kaffeemaschine bräuchte ich dringend einen passenden Wasserbehälter, ferner suche ich nach einem Lötkolben um die beiden defekten Stereoanlagen zu reparieren und nach zwei Ketten zu den Motorsägen (möglichst geschliffen)…

Falls Sie zufällig etwas von diesen gesuchten Dingen haben, stellen Sie sie doch bitte auf das Trottoir! Aber bitte unbedingt mit Schild: „Gratis, zum Mitnehmen“. Und teilen Sie mir auch gleich mit, wo die Sachen stehen, damit ich mit meinem Sattelschlepper nicht unnötig durch die Quartiere fahre.

Apropos Sattelschlepper: Die Villa müsste auch noch einen grossen Parkplatz für den Sattelschlepper und den Kran haben.

Sachdienliche Hinweise bitte an mich. Vielen Dank!

© Peter Pesche Leu, 15.8.2016


Gedankensprünge

Ich warte. Schon drei Tage. Auf eine Eingebung. Darauf, dass mir ein Kolumnen-Thema einfalle. Natürlich sitze ich nicht drei Tage untätig wartend herum, warten tue ich nur so nebenbei, quasi berufsbegleitend. Meine Haupttätigkeit gilt meiner zwanzigsten und letzten Inszenierung auf der Moosegg. Da gibt es noch einiges zu tun und eigentlich habe ich für die Warterei gar keine Zeit. Die Zeit für das Schreiben einer Kolumne kann ich mir nehmen, das ist machbar, aber das Warten auf die Eingebung…

Merken Sie, wie Sie auch warten? Sie warten zusammen mit mir auf meine Eingebung! Sie lesen und denken, der Leu schreibt um den Brei herum, kommt nicht auf den Punkt, schindet Zeit. Stimmt! Sie haben Recht! Zumindest fast! Ich schinde nämlich nicht Zeit, ich schinde Worte, Silben, Buchstaben. Ich habe Vorgaben der Redaktion zu erfüllen. Die Kolumne sollte ungefähr Zweitausendvierhundert bis zweitausendfünfhundert Zeichen enthalten, Leerschläge mitgerechnet. Das scheint wenig zu sein. Ist es auch. Zumindest wenn man besagte Eingebung hat. Wenn einem die ominöse Muse küsst. Normalerweise tut sie das auch. Ich sehe mich dann jeweils gezwungen, meine Aufsätze massiv zu kürzen. Diesmal geht’s jetzt aber ausnahmsweise mal ums Strecken! Weil die Muse halt nicht gekommen ist, geschweige mich geküsst hat. Vielleicht ist sie krank. Oder im Urlaub. Oder wartet selber auf eine Eingebung.

Man könnte meinen, warten sei langweilig. Ist es nicht! Im Gegenteil, warten ist sehr unterhaltsam. Man starrt ja nicht einfach in ein tiefschwarzes Gedankenloch hinein und wartet darauf, dass aus selbigem ein Geistesblitz herausschiesst. Nein, die Gedanken machen sich selbständig. Sie rasen und springen unkontrolliert durch ganze Themensupermärkte – Gedankensprünge!

Aber versuchen Sie springende Gedanken einmal in Worte zu fassen. Lauter unvollendete Sätze werden Sie von sich geben. Ein Gedankenfeuerwerk ist um ein Vielfaches schneller als jede noch so flinke Zunge. Es schreibend festzuhalten schafft nicht einmal der Stenografieweltmeister.

Dieweil ich mich bis hierher durch die Warterei gekämpft habe, sind mögliche Themen für mindestens neunundachtzig Kolumnen an mir vorbeigeflitzt. Flüchtige Gedanken! Alle höhnisch grinsend: „Du erwischst mich nicht!“

© Peter Pesche Leu, 17.6.2016


Schweizer Präzision?

Ich schulde Ihnen ja noch meine Kolumne zur Schweizer Präzision, welche am 29. Februar durch meinen ungestümen, armbruchverursachenden Hund jäh vereitelt wurde, respektive aus aktuellem Grund thematisch umgeschrieben werden musste. Unsereins bemüht sich ja, dem Standart der vorliegenden Zeitung entsprechend, stets um brandheisse Aktualität.

Meine Frau befindet sich übrigens auf dem Weg der Genesung und bedankt sich für alle die guten Wünsche, Blumensträusse und Pralinen, die sie nach meiner Kolumne lastwagenweise entgegennehmen durfte. Der Hund, nach dem Vorfall zu bedingtem zweistündigem Fressentzug verurteilt, hält sich strikt an die Bewährungsauflagen und hat sich seither nichts zuschulden kommen lassen.

Würde ich übrigens allenfalls selber einmal Opfer meines rasenden Hundes werden und dieses traumatische Erlebnis mittels Kolumne kundtun wollen, so möchte ich doch schon heute mit Nachdruck darauf hinweisen, dass ich statt Blumen und Pralinen viel lieber mit vollen Weinflaschen und ungerauchten Zigarren überhäuft würde.

Ich sollte nun aber doch so langsam zum Thema „Präzision“ kommen, denn die Hälfte meiner Kolumne ist bereits wieder mit durchaus wichtigen Unerheblichkeiten vergeudet worden.

Wir rühmen sie ja gerne, unsere Präzision! Wir tun’s im Zusammenhang mit der Uhrenindustrie, wir tun’s bezogen auf den Maschinenbau. Und überhaupt sind wir grundsätzlich stolz auf unsere Schweizerische Genauigkeit. Und sicher ist dieser Stolz auch berechtigt, zumindest in vielen Bereichen. Aber irgendwie seltsam finde ich diesen Stolz doch, denn in einem wesentlichen und alltäglichen Bereich lassen wir Deutschschweizer jegliche Präzision vermissen, nämlich im Sprachgebrauch.

Oder können Sie mir vielleicht erklären, was z.B. „zeitnah“ genau bedeutet? Ist das nun jetzt? Bald? Irgendwann?

Oder unser wunderschönes, berndeutsches Wörtli „de“, gar unpräzisionsgesteigert in der Superunverbindlichkeitsform „me sött de no…“verwendet! Wann ist denn „de“? Und warum sagen wir „sött“, meinen also bloss die Möglichkeit des Sollens, falls man denn wollte? Und wer ist eigentlich mit „me“ gemeint?

Oder unsere überhöfliche, aber gleichermassen überflüssige Fragerei wie „dörft I äch es Bier ha?“ Woher sollte der/die Gefragte das den wissen? Durch die entsprechende Frage zur Bewilligungerteilung oder –verweigerung befugt, darf die Antwort dann nur Ja oder Nein lauten. Davon ist des Bittstellers Durst aber noch längst nicht gelöscht. Also warum nicht gleich „gäht mer bitte es Bier!“

Apropos Bier: Das Schreiben von Kolumnen macht durstig, aber im Kühlschrank und Keller herrscht gähnende Leere.

Äbe, me sött de no Bier reiche.

© Peter Pesche Leu, 25.4.2016

 


Gut geblistert ist halb verblutet

Sie kennen sie, diese unsäglichen Blisterverpackungen. Wikipedia beschreibt sie so: „Unter einer Sichtverpackung – auch als Blister (engl. ‚Blase, Bläschen‘) bezeichnet – versteht man eine Produktverpackung, die es dem Kunden bzw. Käufer erlaubt, den verpackten Gegenstand zu sehen. (…) Bei Schweißverpackungen werden Folienvorderseite und Folienrückwand durch Hitze miteinander verbunden, was gleichzeitig ein Warensiegel darstellt.“

Blanker Zynismus! Wohl erlaubt mir diese Verpackung einen Blick auf den eben erworbenen Gegenstand, den Zugriff hingegen verwehrt sie mir! Ob ich diese Packungen nun mit Fingernägeln, Zähnen, Scheren (die sind inzwischen ohnehin alle an Blister erstumpft), Beisszangen, Sägen, Bohrern, Fräsen oder gar Dynamit zur Preisgabe der dringendst benötigten Computer-Maus zwingen will, die Packung lacht mich aus, tut, einer störrischen Auster gleich, keinen Wank.

Und hat man’s nach stundenlangem Kampf dann endlich doch geschafft, sitzt man vor einem Berg Kunststoff, der ausgereicht hätte, einen Fernseher zu verpacken. Ich glaube nun herausgefunden zu haben, woher das geflügelte Wort „Der Berg hat eine Maus geboren“ stammt.

Hingegen noch nicht herausgefunden habe ich, wie man diese elenden Blister effizient und unfallfrei öffnet. Warum gibt es Nussknacker, aber keine Blisterknacker? Ich habe inzwischen sämtliche technischen Hochschulen aufgefordert, entsprechende Geräte zu entwickeln. Zudem habe ich mich bei Versicherungsgesellschaften und bei der Polizei erkundigt, ob in Blister eingeschweisstes Bargeld nicht als ähnlich gut und einbruchsicher verwahrt gilt, wie wenn ich’s im Tresor einschliesse. Wahrscheinlich konnten sie meine Anfragen aber noch nicht lesen, ich verwendete nämlich statt handelsüblicher Briefumschläge ein Blister-Couvert. Es könnte also durchaus ein paar Jahre dauern, bis ich Antworten erhalte.

Zugegeben, so Sicht- aber Zugriffsverweigerungspackungen könnten durchaus auch nutzbringend angewendet werden. Stellen Sie sich doch einmal vor, die WeightWatchers-Produkte wären eingeblistert. Nach drei Wochen erfolglosem Öffnungsversuch wäre man locker 20 Kilo leichter, wenn nicht gar verhungert.

Item, inzwischen ist mir die Befreiung der Computer-Maus gelungen. Der Preis dafür: unzählige Schnitt- und Schürfwunden. Um selbige mit Salben und Verbandszeug fachgerecht zu versorgen, suchte ich meine jüngst erworbene Notfallapotheke hervor und – Sie ahnen richtig: sie steckt, weil bislang noch ungebraucht, in einer wunderbaren Blisterverpackung.

© Peter Pesche Leu, 4.3.2016


Schalttag

Ursprünglich wollte ich eine Kolumne zum Thema „Schweizer Präzision“ schreiben. Wir rühmen sie ja gerne, unsere Präzision! Wir tun’s im Zusammenhang mit der Uhrenindustrie, wir tun’s bezogen auf den Maschinenbau. Und überhaupt sind wir grundsätzlich stolz auf unsere Schweizerische Genauigkeit.

Und ich war stolz, dass ich meine Kolumne kurz vor Mitternacht des normalerweise letzten Februartages vollendet hatte. Ich wollte mich deshalb mit einem Glas Mitternachtswein und einem Zigarillo belohnen, quasi also mein persönliches Kolumnenaufrichtfest feiern.

Doch kaum war der zwölfte Glockenschlag der nahen Kirche verhallt, vernahm ich irgendwo in meiner Wohnung einen seltsamen Lärm, dann etwas Stille und schliesslich schwache Hilferufe. Mein sofortig aufgebotener Suchtrupp, mangels Personal aus mir allein bestehend, stiess auf einen sichtlich zerknirschten Hund, welcher ganz verwundert auf seine liegende und stöhnende Menschin starrte, insbesondere auf deren seltsam verdrehten Arm.

Die wilde und im Übrigen nicht bewilligte Indoor-Verfolgungsjagd unserer beiden Vierbeiner hatte die beste aller Ehefrauen (sorry Ephraim Kishon) von den Beinen gefegt. In der Folge Ambulanz, Notfallaufnahme usw.

Selbstverständlich bricht der besorgte Ehemann das wein- und rauchselige Aufrichtfest sogleich ab und folgt den blauen Blinklichtern zum Spital um – zu warten. Was kann man dort als Begleiter eines Unfallopfers ja sonst tun?

Wartezeiten füllt man am gewinnbringendsten mit Nachdenken. Und meine grauen und zugegebenermassen bereits etwas ermüdeten grauen Zellen fanden bald einmal heraus, dass der Schalttag der wirklich Schuldige ist.

Hätte sich dieser verflixte 29. Februar nicht heimtückisch und ungefragt in den Kalender geschlichen, der Unfall hätte gar nicht passieren können. Weil ein Unfall an einem Tag, den es gar nicht gibt, logischerweise absolut undenkbar ist.

Sie zweifeln an meiner Theorie? Ich bin sicher, dass ich Ihnen morgen den unumstösslichen Beweis liefern kann! Ich wette mit Ihnen nämlich jeden Betrag, dass meine Frau am 1. März höchstwahrscheinlich nicht vom Hund überrannt wird, zumal Hunde in Spitälern ja ohnehin verboten sind.

Hätte der Februar also, wie es sich gehört, am 28. aufgehört, würde meine Frau jetzt unversehrt und gewohnt strahlend am Frühstückstisch sitzen.

Und Sie würden jetzt eine gelungene und witzige Kolumne über „Schweizer Präzision“ lesen…

© Peter Pesche Leu, 29.2.2016


Vorrätig

Das Anlegen von Vorräten macht Sinn. In Küche, Keller, Speicher, Benzinkanister oder wo sonst auch immer. Meine Mutter hatte früher jeweils tagelang irgendwelche Gemüse und Früchte eingekocht und eingemacht. Ich erinnere mich gut und gerne an die auf Hurden aufgereihten Bülachergläser. Alle schön etikettiert und mit Mutters Handschrift feinsäuberlich beschriftet. Da stand dann z.B. „Zwetschgenkompott – 28. September 1959“, oder „Chüttenen – November 1961“ (Meine Mutter hat das Wort Quitten nie verwendet.) Und es war dann jeweils ein kleines Fest, wenn Mutter den kleinen Peterli in den Keller schickte, eines dieser Gläser heraufzuholen. Vergangene Zeiten.

Die Hurden in unserem Keller existieren zwar noch, aber Bülachergläser mit Eingemachtem stehen schon lange keine mehr darauf.

Aber das Anlegen von Vorräten ist auch mir vertraut. Allerdings ist mein „Keller“ in mir drin. Gedächtnis wird dieser Vorratsraum gemeinhin auch genannt. Und da bewahre ich allerlei nützliche und nutzlose Dinge auf. Beobachtungen aus dem Alltag, Dialogfetzen, Körpersprachen und Tonfälle, Verhaltensweisen von Menschen und Tieren, Enttäuschungen, Erfolge usw.

Wenn Sie mich also zufällig einmal irgendwo antreffen, zum Beispiel im Zug oder in einem Restaurant (meine „Arbeitsplätze“ sind vielfältig) und sehen, wie ich mit offenem Mund starre und gaffe, dann können Sie davon ausgehen, dass ich am „Einmachen“ bin.

Wie seltsam sich dieser Mann bewegt. Wie schnell jene Frau spricht und dazwischen nach Luft schnappt. Wie umständlich der Mann an der Tankstelle seinen Benzintank zu füllen versucht. Wie lustig diese Gruppe von Jugendlichen sich via Handy unterhält. Wie griesgrämig-morgenmuffelig die Leute im Tram sitzen. Wie überschwänglich sich die zwei jungen Männer auf dem Trottoir begrüssen. Wie traurig die alte Frau vor dem Altersheim auf der Bank sitzt.

Es ist nicht bloss ein Beobachten, es ist vielmehr ein Aufsaugen, ein Inhalieren von Eindrücken. Und um diese Eindrücke herum bilden sich jeweils grad kleine Geschichten, Szenchen, Fantasien. Es entstehen daraus wunderschöne Formulierungen, quasi Fertigelemente für Aufsätze und Kolumnen, Beispielbilder für Inszenierungen. Alles schön abgelegt und eingemacht im Gedächtniskeller.

Gäbig, solche Vorräte, könnte man denken. Denn, ist wieder einmal eine Kolumne fällig, steige ich einfach in meinen Gedächtniskeller hinab und suche nach den eingemachten Erinnerungs- und Satzfetzen. Aber ohalätz, die chätzers Gedankenbülachergläser sind nicht so feinsäuberlich beschriftet, wie die Gläser meiner Mutter es waren.

Und wenn ich dann einmal nach einer dieser (selbstverständlich allesamt genialen) Formulierungen suche, ja, darauf angewiesen wäre, dann finde ich lediglich verrottete, nicht wiederzuerkennende Fragmente, unbrauchbare Fetzen, verschimmelte Bilder und – muss die gesamte Kolumne wohl oder übel aus dem Nichts heraus neu erfinden.

Kleiner Nachtrag: Vergessen Sie nicht, wo Sie die Weihnachtsgeschenke für Ihre Liebsten verstecken.

Ich wünsche allerseits eine schöne Adventszeit und erfreuliche Festtage.

© Peter Pesche Leu, 29.11.2015


Hundespaziergänge lukrativ gestaltet…

Hundespaziergänge an sich sind gesund, erholsam, schön und unterhaltend. Aber: sie sind unternehmerisch gesehen ein völliger Unsinn, denn sie beanspruchen Zeit, die man besser für die Erledigung einträglicher Arbeiten verwenden würde.

Doch nun habe ich DIE Möglichkeit lukrativer Hundespaziergangsnutzung gefunden: Ich betreibe Marktforschung!

Zum Beispiel an jedem zweiten Mittwoch, wenn in unserer Gemeinde Papier und Karton gesammelt wird. Entlang der Mustergasse stehen morgens um 7 Uhr vor jeder Haustür mit Papier gefüllte Kartons und Papiertüten.

Vor der Nummer 3 ist das Altpapier beispielsweise in zwei Pampers-Kartons gestopft. In diesem Haus müssen also Babys wohnen. Folglich wird eine entsprechende Meldung an sämtliche Babynahrungshersteller, Kinderwagenhändler,  Versicherungsagenturen und an Franz Carl Weber vorbereitet.

Bei Nummer 9 wird das Altpapier in zwei Globus-Tüten vor die Türe gestellt. Deutet auf gehobene Kaufkraftklasse, also sofort Meldung an sämtliche Juweliere, an die Mercedes-Garage, an Tresorhersteller und Immobilienhändler.

Bei Nummer 15 finde ich etliche leere Hundefutterpackungen. Meldung erfolgt an Tierbedarfsgeschäfte, Hundeklubs, Tierzeitschriftenverlage und Tierkliniken.

Bei Nummer 17 ist ein ganzes Bündel Bankauszüge zu finden. Werden mitgenommen zwecks späterer Auswertung (Meldung erfolgt später).

Nummer 28:  ungeöffnete Abstimmungskuverts! Hier wohnen offensichtlich Politikverdrossene, stattdessen sind sie vielleicht empfänglich für die Weisheiten der Scientologen, für die Aktivitäten von Green Peace oder für eine Passivmitgliedschaft bei den SCL Tigers.

Nummer 29: Nichts! Kein Papier, weder in Kartons noch sauber gebündelt. Ich spekuliere, was die Gründe sein könnten. Vielleicht Vergesslichkeit? Also Meldung an sämtliche Knoblauch-Pastillen-Hersteller und Gedächtnistrainer. Vielleicht konnten die Hausbewohner aber schlicht die kleine Schrift auf dem Gemeindeabfallentsorgungsinformationsformular nicht entziffern. Meldung erfolgt an Optiker, Augenärzte und Züchter von Blindenhunden. Vielleicht weilen die Bewohner aber auch ganz einfach in den Ferien, das Haus steht leer und ist einbruchgefährdet. Meldung an die Hersteller von Alarmanlagen und an Bewachungsfirmen.

Undsoweiter und sofort.

Da ich meine Marktforschungstätigkeit demnächst auch auf die Altglasentsorgungstage ausweiten will, erwäge ich die Anschaffung eines weiteren Hundes, damit ich auch meine Frau regelmässig auf Marktforschungstour schicken kann. Vorsichtigerweise warte ich zunächst aber noch ab, wieviel Provision mir die verschiedenen Meldungen einbringen.

© Peter Pesche Leu, 6.9.2015

 


Mal ganz unverbindlich

Elektronische Agenden in Computern und Handys sind heute gang und gäbe, Alarme machen auf Treffen, Arztbesuche, Konzerte, Partys und Geburtstage aufmerksam, ja, man kann Terminvorschläge andern Leuten gleich per Mail in deren Kalender einfügen. Eigentlich eine ganz gäbige Sache!

Ich erinnere mich ganz knapp noch an die Zeit, als nicht jedermann einen Computer zu Hause herumstehen hatte. Ich erinnere mich auch recht gut an die Zeit, als die Menschheit noch keine iPhones oder Smartphones spazieren führte.

Damals herrschte die langsam aussterbende Mode, einen kleinen Kalender, eine Agenda mitzuführen um Termine, Verabredungen und andere Wichtigkeiten des täglichen Lebens handschriftlich einzutragen. Und es waren die guten alten Zeiten, in welchen diese eingetragenen Termine noch etwas galten und sogar eingehalten wurden.

Heute scheinen die Agenden vor allem mit Optionen prall gefüllt zu sein. Man könnte beispielsweise am Samstag ein Konzert besuchen, oder vielleicht ins Theater gehen. Im Kino würde grad ein toller Film laufen, dieser oder jener Sportanlass lockt auch und, ach ja, ein Grillabend mit Freunden wurde provisorisch auch schon mal eingetragen und Gerbers haben bereits vor zwei Wochen zum Gartenfest eingeladen und überhaupt wollte man schon lange wieder mal in diesem Restaurant mit den drei Sternen essen gehen.

Nun gut, es wird also entsprechend vorgesorgt. Sicherheitshalber werde Karten für Konzert UND Theater, zudem ein Tisch in besagtem Restaurant reserviert. Gerbers hat man bislang noch hinhalten können und auch den Freunden wird noch nicht wirklich zugesagt, wer weiss denn schliesslich schon, ob sich an besagtem Samstag nicht doch noch ganz spontan eine spannendere Möglichkeit ergibt.

Und dann ist er plötzlich da, dieser ziemlich verplante Samstag mit all seinen Optionen. Gerbers rufen schon am Vormittag an, sie müssen jetzt wissen ob, denn sie wollen einkaufen gehen. Ach ja, man hätte jetzt dann natürlich auch gleich noch angerufen um abzusagen, weil man plötzlich und überraschend eine Sommergrippe eingefangen habe. Den Freunden sollte man wohl auch noch absagen, denn irgendwie fehlt die Lust und überhaupt, aber damit kann man noch bis zum Nachmittag zuwarten, weil - vielleicht dann ja doch.

Schliesslich wird’s Abend, an der Konzertkasse werden die Tickets nicht abgeholt, desgleichen an der Theaterkasse. Auch der Tisch im Restaurant bleibt leer. Ins Kino? Eigentlich mag man den Film heute doch nicht sehen. Und zu den Freunden geht man auch nicht, man hat ja eigentlich auch nicht so genau abgemacht.

Und so wird spontan die einzig verbleibende Alternative gewählt, nämlich das Fernsehprogramm, welches ohnehin schlecht ist. Und am Montag geht man missmutig nach einem verunglückten Wochenende wieder zur Arbeit und – schreibt munter für die kommenden Wochenenden erneut einige Termine in die Agenda. Man muss diese modernen Kalender ja schliesslich nutzen!

© Peter Pesche Leu, 15.6.15


Heute komme ich Ihnen mal so richtig dreckig!

Ich nehme einmal an,  dass auch im Emmental hundehaltende Menschen leben. Und möglicherweise gibt es auch diese fürsorglichen Gemeindepolizeibehörden, die im Frühling die Hundehaltenden regelmässig zu Rücksichtnahme und Toleranz gegenüber Spaziergängern, Velofahrern, Joggern aufrufen und die Herrchen und Frauchen ermahnen, Vorkehrungen zur Vermeidung von Konfliktsituationen zu treffen.

Gut so! Wo kämen wir auch hin, wenn Jogger ständig von hechelnden Hunden zu ungewollten Höchsttempi getrieben würden, Velofahrer unvorsichtige Vierbeiner aus den Speichen klauben und Spaziergänger von einem Hundehäufchen ins andere treten müssten. Wer einen Hund will, müsste zu zuallererst einmal beweisen, ob das Bücken uneingeschränkt funktioniert.

Ich ahne jetzt beifälliges Kopfnicken vieler Nichthundehaltender, aber: freut Euch nicht zu früh!

Denn was ich leider auch beobachte, die lieben Gemeindepolizeibehörden aber zu übersehen scheinen, ist das rücksichtslose Verhalten vieler Velofahrer, welche auf Spazierwegen rasant-riskant um Mensch und Tier herumkurven (ich glaubte bis anhin, ein allgemeines Fahrverbot gelte auch für Zweiräder). Ich beobachte ferner, kaum hat die wärmere Jahreszeit begonnen, die mangelnde oder fehlende Erziehung der Grillstellenbenutzer, welche Fleischresten nach abendlichen „Strand- oder Waldfesten“  gleich aluschalenweise herumliegen lassen (von leeren Flaschen, abgebrannten Feuerwerkskörpern, menschlichem Kot, Toilettenpapier und anderem Abfall ganz zu schweigen).

Hundehaltende tun gut daran, nebst Hundesäckli auch Kehrichtsäcke auf den morgendlichen Spaziergang mitzunehmen, um Ufer und Wälder von Resten und Abfällen zu säubern. Tun sie’s nämlich nicht, fressen die Hunde möglichweise Dinge, die ihnen nicht gut tun, ja, für sie lebensgefährlich  werden können.

Niemand findet‘s besonders lustig, wenn er in einen Hundekegel tritt. Hundehaltende sind umgekehrt auch nicht sonderlich amüsiert, wenn sich ihr Liebling in  Menschenscheisse wälzt!

Aber die Emmentaler und Emmentalerinnen sind diesbezüglich ja wahrscheinlich wesentlich rücksichtsvoller, sauberer und sorgfältiger als wir Städter, meine Kolumne kann also getrost ungelesen bleiben und zum Entfachen des nächsten Grillfeuers verwendet werden.

Ich wünsche Euch einen schönen und warmen und vor allem konfliktfreien Sommer in unverdreckter Natur!

Ihr Peter Leu

Kleiner Nachtrag: Nocciolo, mein acht Monate alter Hund, ist  übrigens schon jetzt besser erzogen und sauberer, als viele dieser Verschmutzer unserer Naherholungsgebiete!

© Peter Pesche Leu, 20.4.15


Verschnitten und verbissen

Falls Sie regelmässig die Sendungen des Schweizerischen Staatsfernsehen, insbesondere die Tages- oder Rundschau, konsumieren, ist auch Ihnen vielleicht schon aufgefallen, dass unser „Staatsfernsehen“  eine ganz eigene Interview-Technik entwickelt hat.

Da soll zum Beispiel ein Gewerkschaftsfunktionär zu den Auswirkungen der Eurokrise befragt werden. Man sieht also folgende Szene: Verglaste Drehtür eines Gebäudes –  heraus tritt ein Mann oder eine Frau, trotz des winterlichen Wetters lediglich büromässig bekleidet – die Person kommt von rechts her auf die Kamera zu und – verschwindet links aus dem Bild – Schnitt - und schon ist die Person von rechts nach links blickend in bildfüllender Porträtaufnahme erneut auf dem Bildschirm zu sehen! Zauberei! Da hat der arme Kameramann ganz offensichtlich einen Riesensatz nach links machen müssen, um die vorübergehende Person wieder zu überholen, sie quasi zu stellen.

Sogar zur zirkusreifen Nummer wird ein Interview, wenn beispielsweise ein Skilehrer zum Wintertourismus befragt werden soll!: Skipiste – mit elegantem Schwung naht  von links nach rechts der zu interviewende Skilehrer und – fährt an der Kamera vorbei nach rechts aus dem Bild um gleich darauf – Schnitt – von rechts nach links blickend, bildfüllend Auskunft geben zu können. Diesmal musste der Kameramann statt eines Riesensprungs zwar nur eine Drehung vollziehen, dafür hatte der Skilehrer eine Spitzkehre zu vollziehen, wie sie wohl nicht einmal ein Art Furrer zu seinen besten Zeiten hingekriegt hätte.

Interview für Interview immer dasselbe: die Person naht und geht zuerst einmal vorbei und aus dem Bild. Einfach genial, ja, oscarverdächtig!

Und ist die oder der Interviewte dann endlich bildlich eingefangen, egal ob nach Salto, Zwischenspurt, Pirouette oder per Lasso, so verursacht mir ein nächstes Phänomen Gänsehaut. Da kann jetzt allerdings das Fernsehen nichts dafür.

Warum, zum Kuckuck, sprechen eigentlich so viele Menschen mit krampfhaft zusammengebissenen Zähnen? Ob sie auf diese Weise verhindern wollen, dass ihnen was Lätzes hinaus rutscht? Oder ob sie ihren Aussagen zähnefletschend Nachdruck verschaffen möchten? Vielleicht werden Sie ja auch bloss von einem Zahnpastahersteller bezahlt.

Wie auch immer, entspannt und sympathisch wirken diese verzahnten Gesichter selten.

Kleiner Nachtrag: Um diese Kolumne zu schreiben, bin ich von rechts nach links am Schreibtisch vorbeigegangen, dann kühn mit angehechtetem Dreifachsalto über das Büchergestell auf den Stuhl gesprungen, um schliesslich ganz verbissen meine weltbewegenden Beobachtungen in die Tastatur zu hacken.

© Peter Pesche Leu, 9.2.15


Zwischen den Jahren

Die erste Kolumne des neuen Jahres ist mir anvertraut und soll bis zum 29. Dezember auf der Redaktion eintreffen.

Ich könnte jetzt also die verfügbaren 2600  Zeichen für einen Jahresrückblick verwenden. Aber solche gibt’s ja in jeder besseren Zeitung zu lesen, auf jedem TV-Sender zu sehen, auf jeder Radiostation zu hören. Dann halt vielleicht eine persönliche Rückschau? Aber wieso sollte das jemanden interessieren? Mal ganz abgesehen davon, dass Facebook ja ohnehin seit Tagen zu wissen glaubt, wie mein Jahr und das meiner Freunde war.

Natürlich könnte ich andrerseits einem Ausblick auf das neue Jahr ein paar Zeilen widmen. Aber die Prognosen überlasse ich wohl lieber den Politologen, den Wirtschaftsexperten und den Astrologen. So bleibt mir zu beschreiben eigentlich nur noch diese seltsame Zeit der Altjahrswoche.

Fahre ich jeweils über den Simplon nach oder von Italien wieder zurück in die Schweiz, wundere ich mich immer wieder über diese paar wenigen Kilometer zwischen dem italienischen und schweizerischen Grenzübergang. Was ist das eigentlich dazwischen? Ist es Schweiz? Ist es Italien? Oder ist’s gar Niemandsland? Ich habe mich nie ernsthaft um eine Antwort bemüht. Mir gefällt die Idee des Niemandslands, des Dazwischen, des besonderen „Ich-bin-grad-nirgendwo-Status“.

Und so ähnlich geht es mir mit diesen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr.

2014 ist gefühlsmässig zu Ende, 2015 hat noch nicht begonnen, ich schwebe also irgendwie zwischen zwei Jahren. Es ist mein Verharren im zeitlichen Nichts. Ich kann die Tage verwenden um aufzuräumen, abzuschliessen, zu erledigen, um vorzubereiten, zu planen.

Oder ich kann mich einfach zwischen die beiden Jahre in die Altjahreshängematte legen und warten, dass die Welt für einen Moment zu drehen aufhört, die Zeit stillsteht. Ein Zeitreservat, in welchem ich geschützt bin. Jegliche Hektik, jede unliebsame Störung verliert sich im Nichts. Was gerade noch dringend und wichtig war, verflüchtigt sich, was dringend und wichtig sein wird, versteckt sich hinter einem Millionensekundengebirge – ich bin frei von Jahr und Zeit.

In wenigen Tagen aber, wird das neue Jahr die Aufhängevorrichtung meiner Altjahreshängematte kappen, ich werde in die Zeit zurückfallen, werde mich im Alltag wiederfinden. Aber erst in ein paar Tagen! Denn jetzt gerade verweile ich in der Zwischenzeit!

© Peter Pesche Leu, 6.1.15


Auf den Hund gekommen

Ja, ich bin auf den Hund gekommen! Es geschah unverhofft und überraschend schnell! Quasi Liebe auf den ersten Blick! Geplant war eine Weindegustation bei piemontesischen Freunden. Weinbauern. Um danach schnell zum Thema zu kommen, sei schnell und nebenbei erwähnt, dass die verkosteten Weine ausgezeichnet, die dazu servierten  Häppchen und die mitternächtlichen Spaghetti bestens mundeten, dass der Kreis der Gäste immer grösser und der Abend zu einem spontanen und grandiosen Fest wurde.

Mag sein, dass diese Zutaten meinem und meinem Weibes Gemüt dermassen zuträglich waren, dass unser Hundeimmunsystem völlig versagte und uns der schicksalshaften Begegnung schutzlos auslieferte.

Denn plötzlich und unerwartet tauchten der Weinbauer und dessen Sohn mit sechs Wollknäueln auf, einer putzmunteren, hundigen Rasselbande. Und wer, bitte sehr, kann sich denn schon dem Charme eines fünfwöchigen Welpen entziehen?

Wir konnten es. Zumindest anfänglich. Wenigstens für eine Nacht und einen halben Tag. Aber der Hundezahn der Zeit nagte. Unerbittlich. Wir ertappten uns dabei, wie wir, statt auf dem Markt von Asti nach den benötigten Gartengeräten Ausschau zu halten, laut darüber nachdachten, ob und wie unser Leben mit einem Hund wohl einzurichten wäre. Und wir, die wir bislang die Hunde-Idee aus beruflichen Gründen immer subito verwarfen, wir fanden immer mehr Argumente und Möglichkeiten zu Gunsten eines schwänzelnden, lampohrigen Hausfreunds. Die Versuchung wuchs und wuchs und damit, das sei nebenbei auch erwähnt, mein Verständnis für Adam und Eva und die Sache mit diesem Apfel.

Unsere Versuchung war allerdings eine Haselnuss, respektive eines dieser Wollknäuel, welches wir seiner Farbe wegen sogleich Nocciolo, (Haselnuss) tauften.

Seit einem Monat ist Nocciolo nun bei uns, mittlerweile fünfzehn Wochen alt und schon ein zehnkilöniges Kraftpaketli. Den Charme des Junghundes hat er allerdings noch längst nicht verloren.

Sind wir mit ihm unterwegs, so vermag er so ziemlich allen Leuten ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern, selbst den griesgrämigsten.

Und „Herrchen“ und „Frauchen“ (wir sind seit Nocciolos Ankunft übrigens nicht wirklich kleiner geworden) würdigt man plötzlich keines Blicks mehr. Stattdessen vollführt man vor uns Bücklinge, geht auf die Knie und verfällt in die Baby-Sprache...

Ich glaube, hätte Gessler statt eines Huts auf einer Stange, einen jungen Hund am Fuss einer Gessler-Statue angebunden, es hätten sich sämtliche Untertanen freiwillig und wiederholt vor seiner „Hoheit“ in den Staub geworfen und sich der fremden Macht hündisch ergeben.

© Peter Pesche Leu, 1.12.14

Anziehhilfen für Socken gefällig?

Sie, ich werde alt! Oder bin es schon! Jedenfalls, wenn es denn nach dem Inhalt meines Postfachs geht.

Seit ich nämlich die 60 überschritten habe, erhalte ich auffällig viel Post, die irgendwie mit Altern zu tun hat!  Ich sollte mich jetzt doch allmählich um eine Alterswohnung oder zumindest einen Platz im Alterhseim meiner Wahl kümmern (beigefügt Datum und Zeit des „Tag der offenen Tür, zwecks unverbindlicher Besichtigung). Oder ein breite Palette bunter Prospekte mit mehr oder weniger brauchbaren Altershilfen. So quasi nach dem Motto „aktiv in den Herbst!“, „unfallfrei auch im Alter“ oder „kein Verzicht, trotz zunehmender Gebrechlichkeit“.

Da werden mir dann also Produkte angepriesen wie „Wanneneinstieg“, „Badewannenlifter“, „Badsicherheitssitz mit Drehkissen“, „Transport-Toilettenstuhl“, „WC-Aufstehhilfe“, „Kombi-Rollator“, „Gehstock mit eingebautem Scheinwerfer“, „Einweg-Speiselatz“, „Hörgeräte“, „XXL-Pampers“, „Knoblauchpastillen gegen Arterienverkalkung“ usw. Ich kann’s also drehen und wenden wie ich will, ich habe die Zielgruppe gewechselt. Man will mir künftig keine Rennräder, Snowboards oder Trampoline mehr verkaufen, auf einen Schlag bin ich offensichtlich alt und gebrechlich geworden.

Nicht, dass ich mich schon so fühlen würde, aber andern fällt mein Vergreisen offenbar auf. Wobei die andern nicht die Leute meiner gewohnten Umgebung zu sein scheinen, denn diese sind alle viel zu gut erzogen und zu höflich, als dass sie mir meinen „Verfall“ direkt unter die Nase reiben würden.

Es muss also irgendwo einen Geheimdienst geben, der statt Informationen über Terroristen, militärische Anlagen, steuerhinterzügliche Konten oder Einkaufsgewohnheiten nichts weniger als Körperdaten sammelt, auswertet und hochrechnet. Gewicht, Grösse, absolvierte Schritte und Höhenmeter, Blutdruck, Knochenbeschaffenheit, Harnsäure, Puls- und Atemfrequenz und so weiter und so fort. Wundert mich ja eigentlich nicht, ob Kreditkarte, Mikrowelle, Handy - heute wird ja jede Quelle irgendwie angezapft und ausgewertet.

Ich besitze aber weder einen digitalen Schritt- noch einen ebensolchen Pulszähler. Lediglich mein Fiebermesser funktioniert digital, ist meines Wissen aber nicht WLAN-tauglich. Aber man weiss ja nie!

Ob vielleicht mein Arzt dahintersteckt? Ob er nach jeder Konsultation, nach jedem Check meine Werte den einschlägigen Händlern verkauft? Ich weiss es nicht.

Aber es wird bestimmt auch da der Tag kommen, wo irgendein Whistleblower diese Gesundheitsausspioniererei aufdecken wird.

Kleiner Nachtrag: Ein nützliches Ding habe ich in einem dieser Prospekte inzwischen doch noch gefunden und bestellt. Nämlich eine Art Gabelstapler mit Kippvorrichtung um gebündelte Prospekte ohne Kraftanstrengung in den Papiercontainer zu befördern.

© Peter Pesche Leu, 6.10.14


Von Wettergöttinnen und Wetterexperten

Das Wetter ist ja seit je her ein allseits beliebtes Gesprächsthema. Weiss man sonst nichts zu plaudern, spricht man über Krankheiten oder das Wetter. Über letzteres dieser Tage ganz besonders.

Was sich die Wettergöttinnen in den letzten Wochen geleistet haben, geht auf keine Kuhhaut, beziehungsweise in kein Regenfass. Unter ihrer üblen Laune mussten  und müssen etliche Regionen bekanntlich schwer leiden und es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis wieder Normalität einkehrt.

Nun sollte man meinen, dass vergleichsweise kleinste Wetterbeeinträchtigungen angesichts dieser Verwüstungen zur Lächerlichkeit verkommen müssten. Ich meine damit zum Beispiel eine verregnete, abgebrochene oder abgesagte Aufführung eines Freilichttheaters.

Aber ohalätz, es gibt immer wieder Leute, die just deswegen ihre ganz grosse Krise schieben. Sie jammern und klagen, sie hadern und fluchen und beschweren sich heftig bei den Veranstaltern, als ob diese das Wetter selber machen würden.

Dabei verhalten sich die Wettergöttinnen seit Wochen derart zickig und unberechenbar, dass selbst gestandene Meteorologen das Frottiertuch werfen und schier sämtliche verfügbaren Wettervarianten in die täglichen Vorhersagen einbauen. Natürlich ohne sich geographisch oder zeitlich genau festlegen zu können. Und sogar die Schneefresser und Ameisenhaufenhöckler aus dem Muotatal liegen mit ihren Prognosen hektoliterweise daneben.

Wahrlich, es ist in diesen Tagen kein Schleck, Meteorologe, Wetterschmöcker oder Veranstalter zu sein. Und es sind dann beileibe nicht in erster Linie die holden Wettergöttinnen, die vorgenannten Akteuren das Leben schwer machen.

Sie glauben gar nicht, wie viele Wetterexperten es gibt! Und natürlich fahren sie alle auf die Moosegg, obwohl sie doch schon seit den frühen Morgenstunden, wenn nicht gar seit Wochen und Monaten wissen, dass es regnen wird! Dass die gleichen Leute dann trotzdem ohne Regenschutz anreisen, sei hier nur am Rande erwähnt.

Und dann stellen sie sich mit vorwurfsvollem Blick vor die armen Damen an der Abendkasse, halten ihnen ihr Handy mit dem Regenradar unter die Nase und machen empört auf den kleinen blauen Fleck aufmerksam, der über den Bildschirm wandert: „Da, man sieht ja deutlich, dass es regnen wird!“.

Fragt man diese zornigen Regenradargucker aber, wo die Moosegg auf ihrem kleinen Display wohl zu finden sei, liegen sie mit ihrem Tipp meistens ziemlich weit daneben.

Halt wie Meteorologen, Wetterschmöcker und Veranstalter - nur anders!

© Peter Pesche Leu, 8.8.2014


Rapida e semplice

Seit vielen Jahren schon bin ich bekennender Möchtegern-Italiener und verbringe deshalb so viel Zeit wie möglich in Vaglio Serra. Dieses kleine Dörfchen (ca. 270 Einwohner) in der Nähe von Nizza Monferrato auf einem Hügel gelegen und umgeben von Rebbergen, ist längstens meine zweite Heimat geworden. Das Auge wird verwöhnt durch die wunderbare Landschaft, die Seele durch warmherzige, äusserst freundliche und fleissige Menschen, Gaumen und Magen durch herrliche Rebensäfte und vorzügliches Essen (man sagt ja nicht umsonst “Hätte Gott das Piemont gekannt, er hätte nicht in Frankreich gegessen!“)

Item. Im Laufe der Jahre sind viele schöne Freundschaften entstanden und gewachsen und ich fühle mich in Vaglio und Umgebung denn auch entsprechend zuhause. Kürzlich schrieb Vaglios Sindaco im Facebook gar: „Peter, uno di noi!“. Hat mich schon etwas gerührt.

Natürlich wissen meine italienischen Freunde um meinen Beruf und baten mich hin und wieder um eine schauspielerische Kostprobe. Ein Wunsch, den ich meiner mangelnden Italienischkenntnisse wegen lange nicht erfüllen mochte. Aber nun musste es endlich sein, ich wollte mich für dreissig Jahre genossener Gastfreundschaft bedanken und die Bevölkerung aus der Region zu einem Konzert mit Dodo Hug und Efisio Contini, sowie zu einer  Aufführung von „Dinner for One“, gespielt von meiner Frau und mir, einladen.

Ich ahne, was Sie jetzt denken: Das Organisieren einer öffentlichen Aufführung in Italien wird sicher der reinste Spiessrutenlauf durch Amtsstuben und ein umständlicher Papier- und Formularkrieg werden..

Auch ich befürchtete, vorgewarnt durch unangenehme Erfahrungen mit Telekommunikationsgesellschaften, Bau- und Steuerämtern usw., grossen bürokratischen Aufwand betreiben zu müssen.

 Aber nichts dergleichen passierte, kurz und einfach ging’s vonstatten, eben „rapida e semplice”.

Ein halbstündiges Gespräch mit dem Sindaco von Vaglio reichte völlig aus, der Anlass war organisiert, inklusive der Möglichkeit uns je nach Wetter kurzfristig für eine Durchführung unter freiem Himmel oder im neuen Gemeindesaal zu entscheiden. Der Sindaco anerbot sich gar, die Plakate höchst persönlich in der ganzen Region aufzuhängen.

Unter uns gesagt: So schnell und unbürokratisch vermochte ich in der Schweiz noch nie einen Anlass zu organisieren.

Am Auffahrtsabend um 21 Uhr (für italienische Verhältnisse eigentlich eine Stunde zu früh) war’s schliesslich soweit: Ein südländisch-temperamentvolles Publikum machte den Abend zum grossen Fest und als krönenden Abschluss offerierte die Gemeinde groszügig sogar noch einen schönen Mitternachtsapero!

Sì sì, anche questa è Italia!

© Peter Pesche Leu, 15.6.14


Family-Farming

Ich weiss nicht mehr, wann und wo mir dieses Wort begegnet ist. Ich hab’s vor längerer Zeit meiner Ideen-Sammlung für Kolumnen beigefügt und längst wieder vergessen.

Aber nun, da wieder einmal eine Kolumne fällig ist, springt mich dieses seltsame Wort wieder an.

Ich könnte wahrscheinlich im Internet herausfinden, was die wahre Bedeutung dieses Begriffs ist. Aber ich versuche die Deutung lieber freihändig, respektive freihirnig.

Familien-Farming! Na ja, in der heutigen Zeit von Hors-Sol-Tomaten? Warum sollte solche Anbautechnik  nicht auch für Familien möglich sein?

Ich stelle mir riesige Gewächshäuser vor, in denen auf Steinwolle oder Kokosfasern ganze Kollektionen von Familien heranwachsen. Witterungsunabhängig, bestens versorgt mit wohldosierten Nährstofflösungen.

Ich sehe nur Vorteile! Familien brauchen wesentlich weniger Reifezeit und vermutlich können sie breits gentechnisch beeinflusst werden.

In diesen Gewächshäusern gibt’s also zum Beispiel eine ganze Plantage von Vätern. Grosse, kleine, dicke, magere, sportliche, intellektuelle, schwarze, rote, gelbe, weisse, jüngere, ältere….

Im zweiten Gewächshaus wachsen Mütter heran, auch sie in grosser Auswahl, unterschiedlich ausgestaltet und ebenfalls in verschiedenen Reifestadien.

Und in einem dritten und vierten Gewächshaus werden schliesslich auch die Kinder angepflanzt, im einen die Knaben im andern die Mädchen.

Ach ja, da gibt’s noch weitere Gewächshäuser für Grossmütter, Grossväter, Onkeln, Tanten usw.

Und viermal jährlich werden die Familienbestandteile  dann geerntet und von den Farmern zu grösseren und kleineren Familien zusammengemischt, in Kühlwagen verladen und möglichst frisch in die Regale von Familiengrossverteilern ausgeliefert.

Es sollen gar schon Bestrebungen im Gange sein, das Familiensortiment bald auch mit passenden Familienhaustieren zu ergänzen.

Ein nicht zu unterschätzender  Vorteil des Familien-Farmings stellt natürlich auch das Sortiment an Familienersatzteilen dar. Kommt ein Familienmitglied abhanden, so sucht man sich auf der Farm kurzerhand ein passendes Ersatzteil aus und komplettiert so die Familie wieder.

Oh, ich merke grad, dass ich nicht über den neuesten Wissensstand verfüge.

Man kann die Familien heute selbstverständlich auch via Internet bestellen und direkt nach Hause liefern lassen.

Vom Osterhasen vielleicht…

© Peter Pesche Leu, 24.3.2014


Recycling

Ich gehe davon aus, dass dieser Begriff, welcher eigentlich nichts anderes als Wiederverwertung bedeutet, den Lesern geläufig ist. Wikipedia definiert den Begiff als „jedes Verwertungsverfahren, durch das Abfälle zu Erzeugnissen, Materialien oder Stoffen entweder für den ursprünglichen Zweck oder für andere Zwecke aufbereitet werden. Es schließt die Aufbereitung organischer Materialien ein…“

Haben Sie indes auch schon bemerkt, dass die deutschen Fernsehanstalten, ob private oder öffentlich-rechtliche (übrigens inklusive Schweizer Fernsehen) wahre Meister des Rezyklierens sind?

Falls Sie, wie ich, gerne Krimis anschauen, müsste auch Ihnen aufgefallen sein, dass das Prinzip der Wiederverwertung gerade in dieser Sparte der Unterhaltung besonders gepflegt wird. Da werden noch und noch Kommissare, Huren, Drogenabhängige, Anwälte, Schrotthändler, Polizisten, Wirte – ja – sogar Leichen rezykliert!

Heftig aufgefallen ist mir das über die letzten Weihnachts- und Neujahrstage, als ich etwas Zeit für’s Fernsehen fand. Auf schier allen Kanälen wurde, ausgesprochen passend zu den Festtagen, gemordet, aufgeklärt und verhaftet was das Zeugs hält.

Und egal, ob es sich nun um einen Tatort, um Soko, Cobra 11, Ein Fall für zwei, Stolberg, um den Bullen von Tölz oder sonst eine Krimi-Folge handelte, immer wieder tauchten die gleichen Schauspielerinnen und Schauspieler auf. Selbst im Venedig des Commissario Guido Brunetti!

Mal geriet der Eine aus Eifersuchtsgründen in eine Müllpresse, lag dann wächsern bleich mit Zettel an der grossen Zeh auf dem Obduktionstisch, verhaftete dann kurze Zeit später in einer andern Serie als Kommissar einen Schurken, der in der wiederum nächsten Serie als seriöser Staatsanwalt auftrat.

Dann wieder war’s eine vermögende Witwe, die eben noch vom Heiratsschwindler (vier Stunden später als Gerichtsmediziner auf dem Bildschirm) um ihr Vermögen gebracht, eine Folge später als billige Hure wieder auftauchte. Der Kommissar aus der vorigen Folge mutierte dafür zum fiesen Zuhälter, während die Kommissarin sich nun in eine mordende Bestie verwandelte.

Nach ein paar Stunden schwirrte mir der Kopf, litt ich an passiver Schizophrenie und konnte Opfer und Täter nicht mehr unterscheiden.

Nun habe ich mir halt die Serie über Pinguine angeschaut, denn dort spielen diese lustigen Vögel in jeder Folge zuverlässig wieder Pinguine.

© Peter Pesche Leu, 27.2.2014


Es war einmal…

 …ein Stadtpräsident, der gelegentlich wegen seines losen Mundwerks und fehlenden Anstands auffiel. Und weil er für seine teilweise eher dummen Sprüche immer wieder ein dankbares Publikum fand, konnte er eines Abends der Verlockung nicht mehr widerstehen und produzierte sich auf der Bühne im Tschäppiteau, pardon, Chapiteau von „das Zelt“ als Lachnummer.

Ich muss hier anmerken, dass ich diesem Akt der stadtpräsidialen Selbstdarstellung nicht persönlich beiwohnte, sondern nachträglich in diversen Zeitungen darüber gelesen habe. Offenbar gab der selbsternannte Komiker unter anderem ein paar blöde Witze über die angeblich arbeitsscheuen Italiener zum Besten und sein Publikum soll darüber sogar gelacht haben. Na ja…

Und schliesslich wurde der offensichtlich teilweise missglückte Auftritt, zwar etwas verspätet dafür aber ziemlich ausgiebig, medial kommentiert. Peinlich sei’s gewesen, beleidigend für die Italiener und so weiter und so fort…

Kurz und gut, das Thema für meine Kolumne schien gegeben, denn selbstverständlich wollte auch ich meiner Empörung über die negative Darstellung unserer südlichen Nachbarn Ausdruck verleihen, zumal ich etliche Italiener zu meinen Freunden zählen darf.

Als mich aber kurz darauf ein Dokumentarfilm die faszinierende Welt wirklicher Würmer, Käfer, Insekten und Spinnen entdecken liess, fand ich auf einmal, dass Figuren und Vorkommnisse, wie eingangs zum Thema gemacht, die Ehre der Verkolummnisierung eigentlich gar nicht  verdienen.

Deshalb nun zu diesem Film „Mikrokosmos - Das Volk der Gräser“. Bildfüllend kreuchte, flog, krabbelte da eine Vielfalt von Lebewesen, die wir gemeinhin entweder übersehen, oder in den vielen Fällen dann als ekliges Ungeziefer bezeichnen.

Aber wie eigenartig schön diese Tierchen doch eigentlich sind! Und wie fleissig! Was die zu schleppen, zu rollen, zu schieben, zu tragen fähig sind. Wie ausgeklügelt und effizient ihre Fangmethoden sind. Wie sinnlich die Vereinigung zweier Weinbergschnecken, wie gewaltig der Kampf zweier Hirschkäfer wirkt…

Der Film kam, auch das beeindruckend, ganz ohne Text und Kommentar aus. Die eindringlich schönen Bilder waren ausschliesslich mit wunderbar passender Musik unterlegt…

Und plötzlich ertappte ich mich dabei, dass ich einigen dieser Viecher Namen zu geben begann. Zum Beispiel Namen von Politikern, auch von Stadtpräsidenten.

Und mir dämmerte, dass ich nun selber im Begriff war, ganze Heerscharen von Lebewesen zu beleidigen, nämlich die Insekten, Würmer, Spinnen und Käfer.

© Peter Pesche Leu, 3.1.2014

Das Unwort des Jahres

Haben Sie die Wahlen der letzten Wochen auch verfolgt? Nein, weder die Wahlen von irgendwelchen Politikern, noch die Wahlen irgendwelcher Missen. Ich meine die von viel medialem Lärm begleiteten Wahlen des Worts, des Satzes und des Unworts des Jahres 2013. Und, um es gleich vorwegzunehmen, es haben nicht meine Favoriten gewonnen.

Zum Satz des Jahres wurde, meinem verstorbenen Deutschlehrer sei’s geklagt,  das Bundespräsidiale „Aff!“ erkoren!

Tja, liebe Leserinnen und Leser, seit letzter Woche muss ein gut aufgebauter Satz nicht mehr zwingend aus Subjekt, Prädikat, Objekt und Adverbien bestehen, künftig genügt ein einzelnes  Wort, sofern es in Verbindung mit einem Ausrufezeichen verwendet wird. „Ich hätte gerne einen Kaffee, bitte.“ darf fortan durch ein trockenes „Kaffee!“ ersetzt werden!  Mein persönlicher Favorit für den Satz des Jahres hätte ganz anders gelautet: „Ich freue mich schon wieder auf das Wochenende!“. Allerdings nur wählbar, wenn der Satz bereits am Montagvormittag ausgesprochen wird.

Zum Wort des Jahres wurde „Stellwerkstörung“ gewählt. Eigentlich seltsam, denn mit diesem Wort wird doch gemeinhin eine Zugsverspätung, also Ärger verbunden. Müsste es daher nicht eher als Unwort bezeichnet werden? Mein Favorit hatte natürlich nicht den Hauch einer Chance! Ich wünschte mir „Grüessech“ als Wort des Jahres. Aber da wissen ja ohnehin nicht mehr alle Leute, dass es dieses Wort überhaupt gibt. Vielleicht müsste man die neue Kategorie „Aussterbendes Wort des Jahres“ einführen. Aber darüber habe ich ja in einer früheren Kolumne bereits ausgiebig geschrieben.

Bleibt noch das Unwort des Jahres zu erwähnen: „systemrelevant“. Wobei ich schon den Begriff „Unwort“ als eigentliches Unwort empfinde, da es sich selber genau genommen ja als Wort verneint, obwohl es eines ist. Da beisst sich die deutsche Sprache arg in den eigenen Schwanz. Mein ganz persönliches Unwort heisst „proaktiv“! Schon allein deshalb, weil man mich nach einem Versäumnis meinerseits mit dem Rat „proaktiv zu handeln“ ärgerte, was ohnehin einem Pleonasmus gleichkommt!

Die Definition des Dudens für mein Lieblings-Unwort des Jahres lautet nämlich: „proaktiv = durch differenzierte Vorausplanung und zielgerichtetes Handeln die Entwicklung eines Geschehens selbst bestimmend und eine Situation herbeiführend“. Alles klar?

Ob nun proaktiv, reaktiv oder bloss aktiv oder gar passiv – Weihnachten kommt ganz von selber und der Jahreswechsel wohl auch. Ich wünsche Ihnen vorausplanend und zielgerichtet eine schöne Adventszeit, frohe Weihnachten und ein erfreuliches 2014!

© Peter Pesche Leu, 19.12.2013


Wo sich wohl des Schweizers Lachen versteckt?

Während der letzten Wochen hatte ich schier Abend für Abend Gelegenheit, das Lachverhalten unseres Publikums auf der Moosegg zu studieren. Unser Schwank „ds Schwingfescht“ sorgte für sehr viel Heiterkeit auf den Rängen und es war eine Freude, die unterschiedlichsten Arten des Lachens zu beobachten. Da gab’s die Schmunzler, die Schüttler, die Quietscher, die Brüller, die Tränenden usw. alle natürlich sowohl in der männlichen wie in der weiblichen Ausgabe.

Selbstverständlich gab’s auch solche, die keine Miene verzogen. Und wenn doch, verkündeten die herabgezogenen Mundwinkel eher Ablehnung. Kein Problem, es durfte ja nicht erwartet werden, dass alle Menschen unseren Humor und unsere Pointen gleichermassen lustig finden würde. Aber ich will mich ja in dieser Kolumne nicht mit diesem Teil unseres Publikums beschäftigen, sondern mit den eingangs erwähnten Lachenden.

Jeweils nach Vorstellungsende stellte ich mich beim Ausgang hin um die Leute zu verabschieden, ihnen eine gute Heimkehr zu wünschen, mich für ihren Besuch zu bedanken. Da gab es viele, die fröhlich das Stück kommentierten, lächelnd den Gruss erwiderten oder sonstwie einen zufriedenen Eindruck machten.

Aber es fiel mir auch etwas äusserst seltsames auf. Ein grosser Teil des Publikums verliess das Theater mit ernstem, ja, fast gar schon griesgrämigem Gesicht. Und es waren doch die gleichen Frauen und Männer, welche eben noch herzhaft gelacht hatten. Wie wenn jemand einen Schalter umgedreht, mit einem Schwamm das Lachen vom Gesicht gewischt hätte.

Ich frage mich seither, wo diese Leute ihr Lachen verstecken, woher sie’s plötzlich zwecks kurzfristiger Verwendung hervorzaubern, wie und worin sie’s transportieren?

Ich frage mich, ob das Lachen eine verderbliche Ware ist, welche in einer Art Kühlschrank aufbewahrt werden muss und nur für den absoluten „Notfall“ der rauhen Umgebung ausgesetzt werden darf?

Ich frage mich, ob das Lachen in unseren Breitengraden dermassen selten und damit umso wertvoller ist, dass es im Tresor oder Bankschliessfach gelagert werden muss?

Ich frage mich ob das Lachen respektive Lächeln möglicherweise in Taschen, Mappen, Rucksäcken durch die Gegend getragen wird? Vielleicht sollten die Billetkontrolleure in Tram, Bus und Zug, statt die Fahrausweise zu kontrollieren, für einmal das Öffnen des mitgeführten Gepäcks anordnen, damit die sorgfältig versteckten Lacher entwischen und sich zum ansteckenden Gelächter zusammenschliessen könnten.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag. Und sollten Sie einer lachenden Person begegnen – lassen Sie sich anstecken!

© Peter Pesche Leu, 11.9.2013


Der Langhaarrassenprachtskatzenurheberrechtsstreit

Eine Bekannte von mir hatte eine Katze. Eine ganz besonders schöne, schneeweisse, reinrassige und langhaarige Prachtskatze. So eine, wie man sie sich für die Katzennahrungswerbung vorstellt. Und weil diese Prachtskatze so einmalig schön war, kam eines Tages der Tag, an dem die makellos-schneeweisse Langhaarrassenprachtskatze von einem tüchtigen Fotografen entdeckt und hochprofessionell abgelichtet wurde und bald  war sie ein gefragtes Langhaarrassenprachtskatzenfotomodel. Und so kam es, wie es kommen musste, die Langhaarrassenprachtskatze zierte fortan die Büchsen eines Katzennahrungsherstellers. Wie viel für die Katze dabei finanziell herausschaute, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich gehe aber mal davon aus, dass es der Katze völlig egal war. Der plötzliche Ruhm stieg ihr jedenfalls nicht in den Kopf.

Soweit, so gut – könnte man meinen.

Doch begab es sich nun, dass andernorts ein grimmiger Herr ebenfalls eine Katze besass. Und diese Katze, man glaubt es kaum, sah haargenau gleich aus, wie die Katze meiner Bekannten. Makellos weiss, langhaarig, prächtig. Eines Tages entdeckte der grimmige Herr die Katzenfutterbüchsen mit dem Konterfei der Langhaarrassenprachtskatze meiner Bekannten. Ein schauriger Verdacht keimte auf in ihm: man hatte heimlich und ohne Erlaubnis SEINE Katze fotografiert und auf diese Büchsen geklebt. Und flugs stellte der grimmige Herr dem Fotografen eine unbescheidene Rechnung aus.

Der Fotograf, der weder dem grimmigen Herrn noch dessen Langhaarrassenprachtskatze je einmal begegnet war, dachte natürlich an einen Scherz und deshalb nicht im Traum daran, dieser kühnen Forderung nachzukommen. Dem grimmigen Herrn war‘s jedoch überhaupt nicht ums Scherzen, er beharrte darauf, dass die Katzenbüchsenkatze mit seiner Katze identisch sei und zog gegen den Fotografen vor Gericht. In der Folge wurden tierärztliche Expertisen er- und teure Anwälte angestellt. Der Langhaarrassenprachtskatzenurheberrechtsstreit beschäftigte bald einmal sämtliche Gerichtsinstanzen und endete schliesslich vor dem Bundesgericht. Und immer wurde gegen den grimmigen Herrn entschieden.

Die beiden Langhaarrassenprachtskatzen sind inzwischen längst gestorben, der Fotograf wird wohl unter Magengeschwüren leiden und der grimmige Herr hat sicher sein Haus verkaufen müssen, um die teuren Prozesskosten zu bezahlen.

Und ich habe den Stoff für eine lustige Komödie. Damit sich niemand betroffen fühlen und gegen mich prozessieren könnte, brauche ich die Katzen lediglich durch Hunde zu ersetzen. Und alle werden glauben, dass die Geschichte viel zu absurd sei, als dass sie wahr sein könnte.

© Peter Pesche Leu, 4. Juli 2013


Zeige mir den Märit und ich sage Dir, wer wir sind…

Ab und an bummle ich gerne über einen Jahres-Märit, diese basar-artige Ansammlung von Märitständen, wie es sie wohl fast überall einmal jährlich gibt. Mal heissen sie Dorfmärit, mal Fellerhuus-Märit, Frühlings- oder Herbstmärit, mal Handwerkermärit.

Aussehen tun sie fast alle gleich. Entlang der Dorfstrasse, auf dem Dorfplatz oder rund um das denkmalgeschützte, zum Ortsmuseum oder Freizeithaus umgenutzte Bauernhaus stehen mehr oder weniger wacklige Stände mit dem immer gleichen und ähnlichen Angebot.

Selbstgetöpferte Aschenbecher, Fruchtschalen und Blumenvasen, bemalte Steine als Briefbeschwerer oder Buchstützen gedacht, Kerzen in allen Grössen und Farben samt Kerzenständern aus Holz, Glas, Metall, Beton und Ton, bestickte Geschirrtücher und Ässmänteli (wieso heissen die eigentlich so? Sie haben ja nicht einmal Ärmel zum reinschlüpfen), Wandbehänge aus Makramee, gehäkelte Bettüberwürfe, staubanfällige Mobilees, indianische Traumfänger, zerbrechliche Glaswaren mit eingeritzten Initialen und Bildern (Sujets von Tannenwald bis Hundekopf), allergattig Schmuck von Bernsteinketten bis zu mächtigen Fingerringen aus bemaltem Schubi-Mehl, unzählige Varianten von Strickwaren (von Socken über Eierwärmer, Mützen, Mittli bis zum wattegestopften Joggeli-Bäbi ist alles was sich lismen lässt vorhanden), bemalte Seidenkrawatten, kartoffelgestempelte Foulards, Batik-Leibchen (jawohl, gibt’s immer noch), selbstgezimmerte Puppenstuben und Bauernhöfe samt Minimobiliar, geschnitzten Kühen, Pferden, Schweinchen, ja, sogar buntbemalte Holzklötzchen und Marmelspiele (es scheint irgendwo noch Kinder zu geben, die nicht ausschliesslich mit dem iPhone spielen), Konfitüren und eine Vielfalt an Backwaren von Brätzeli über Tirggeli bis zur Späckzüpfe und so weiter und so fort.

Nicht fehlen dürfen natürlich die Haus-, Keller- und Estrichräumungsstände mit den zerlesenen Kinderbüchern, unvollständigen Kaffeeservices, Espressomaschinen und Toastern (müssen repariert werden), Modellautos, goldgerahmten Stilleben unbekannter Künstler, Kisten voller Legos, gedrechselten Ständerlampen samt geklöppeltem Schirm, alten Schallplatten usw.

Sie sind meistens gut besucht, diese Märkte, man trifft sich, plaudert, isst in der Kaffestube des Frauenvereins ein Stück Schoggikuchen und geht dann, meistens ohne viel ge- oder verkauft zu haben (so dünkt’s mich jedenfalls) wieder nach Hause.

Schöne Welt, heile Welt  - zumindest jeweils für die Dauer eines Märittages.

© Peter Pesche Leu, 8. Juni 2013

 


Frau Bitter, Herr Nörgler & Co.

Ich mag Zeitungen. Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Lokal-Zeitungen, Monatszeitungen, Fachzeitungen, egal! Und ich mag die Seiten mit den Leserbriefen.

Auch aus dem kleinen Lokalblättchen meiner Wohngemeinde sind die Leserbriefe nicht wegzudenken. Und beim Lesen dieser weltbewegenden Beiträge kommt unvermittelt die Gewissheit auf, dass die Bevölkerung unter allergrösster Not leidet. Oft beklagen die Beiträge eine bejammernswerte Befindlichkeit, bilden ab, welche unwahrscheinlich grossen Probleme uns im Alltag beschäftigen, ärgern, stören. Und es geht dabei beileibe nicht immer nur um die grossen Fragen wie Armeeflugzeuge, Zuwanderung oder Abzockerei.

Da beschrieb doch jüngst eine besorgte Leserbriefschreiberin in holprigem Deutsch, wie sie die nachbarliche Katze täglich mehrmals beim gemeingefährlichen Überqueren der Hauptstrasse beobachtet und beklagt die unsorgfältige Tierhaltung der Katzenbesitzer.

Worauf sich ein anderer Leserbriefschreiber in der nächsten Ausgabe mit wohlformulierten Sätzen über die Unverschämtheit freilaufender Stubentiger auslässt, weil sie’s wagen, auf seinen gepflegten englischen Rasen zu scheissen.

Eine andere Schreiberin wiederum bezichtigt die Katzen daraufhin wortreich des Vogelmassenmords, was schliesslich einen weiteren Schreiber zu einem schon schier wissenschaftlich angehauchten Aufsatz über die Greifvogelpopulation in urbanem Gebiet animiert und so weiter und so fort.

Bei genauerer Betrachtung der Leseseiten fällt mir jeweils auf, dass vielfach immer wieder die gleichen Namen unter den Beiträgen auftauchen. Es scheint eine Kaste halbprofessioneller, vielseitig interessierter, aber zumeist recht unzufriedener LeserbriefschreiberInnen zu existieren. Ja, unzufrieden! Denn zumeist beschweren sie sich über irgendetwas! Selten wird gelobt, selten wird über Erfreuliches  geschrieben.

Offenbar entspricht es unserem Naturell eher, Widrigkeiten und Probleme in die Tastatur zu hacken, und seien sie noch so unbedeutend, als einmal positive, erfreuliche Ereignisse zu kommentieren.

Warum lese ich selten bis nie, wie schön jetzt morgens die Amseln wieder lieden? Oder dass einer der Kehrichtmänner, ansteckend gut gelaunt, hinten auf seinem Ghüderauto Arien in den Vormittag schmettert? Oder dass der Lokomotivführer extra noch einmal den Zug angehalten hat, um einen herankeuchenden Reisenden zusteigen zu lassen?

Sie entschuldigen bitte das abrupte Ende dieser Kolumne. Ich habe gerade gesehen, dass jemand sein Fahrrad gegen einen meiner Bäume gelehnt hat. So eine Sauerei. Da muss ich nun doch mal einen Leserbrief gegen die Verwilderung der Sitten schreiben.
Ich wünsche Ihnen eine sorgen- und ärgerfreie Woche!

© Peter Pesche Leu, 15. März 2013


머나 먼 아프리카에서 인사말

Ich hoffe, dass Sie obige Überschrift verstehen,  obwohl ich nicht einmal weiss, ob meine Kolumne überhaupt und rechtzeitig ins ferne Emmental gelangt.

Die Sprachunkundigen unter Ihnen wissen natürlich, dass diese seltsamen Zeichen koreanisch sind und „Gruss aus der Ferne“ bedeuten.

Ja, ich weile in der Ferne! In Pjöngjang, der Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Korea (im Westen bloss Nordkorea genannt)! Und ich werde hier bleiben, definitiv! Ich bin grad unterwegs zum Regierungspalast um meinen neuen Pass abzuholen und meinen Freund, den weisen, gütigen und umsichtigen Kim Jong-Un, den besten Präsidenten aller Demokratien, zu besuchen. Oh, da mögen die Depardieus und Bardots meinetwegen noch lange behaupten, der beste Premierminister aller Demokratien sei dieser Putin und sich zu ihm nach Moskau verkremeln. Mira wohl!

Obwohl mich die beiden auf die Auswanderungsidee gebracht haben, geht es mir nicht, wie meinem Kameraden Gérard, um das Einsparen einiger Steuermillionen, oder wie bei meiner Kollegin Brigitte, um die Empörung wegen der drohenden Einschläferung zweier tuberkulöser Elefanten.

Ich habe natürlich handfestere Gründe, die mich zur Auswanderung zwingen! Ich fühle mich in der Schweiz nämlich grundsätzlich schlecht behandelt! Einige Beispiele gefällig?

·       Bundespräsident Ueli Maurer hat mir keine persönliche Neujahrskarte geschickt!

·       Die Kehrichtabfuhr liess einen prallgefüllten, stinkenden 110-Liter-Sack stehen, bloss weil die Gebührenmarke aufzukleben vergass.

·       Die Redaktoren dieser Zeitung mahnen mich pingelig,  weil ich den Einsendetermin um einige lächerliche Tage verpasst habe.

·       Für den „Schweizer des Jahres“ wurde ich noch nie  nominiert, usw.…

Da schätzt mich mein Freund, der grosse, weise, gütige Kim Jong-un doch weit mehr! Er hat mich bereits zu einer riesigen Militärparade eingeladen, liess sein Volk zum meinen Ehren Tausende von Fähnchen schwenken, morgen steht der gemeinsame Besuch einer Hinrichtung auf dem Programm, beim nächsten Raketenversuch soll ich den roten Knopf drücken dürfen und schliesslich lässt er mir durch rund 20‘000 Kinderarbeiter ein grosses Theaterhaus erbauen und verordnet seinem treuen, glücklichen und gesund-ernährten Volk den freiwilligen Besuch meiner Aufführungen…

Hat Sie diese Kolumne aufgeregt? Nicht doch, es sind ja bloss die dummen Gedankenspiele eines unbedeutenden Regisseurs zu den wesentlich dümmeren Äusserungen zweier erfolgreicher Künstler!  Sollen sie in Russland glücklich und zufrieden noch gänzlich verblöden!

© Peter Pesche Leu, 17. Jan. 2013


Dr. cul. cul. Peter Leu

Ich geb es gleich von Anfang an zu: diesen Doktortitel habe ich mir selber verliehen. Ohne jegliche Dissertation! Nicht einmal mit einer abgeschriebenen. Und doch habe mir diesen Titel ehrlich und redlich erschwitzt! Doktor culinarium culinaeum!

Gelegentlich werde ich von köchlichen Anwandlungen befallen und verspüre dann eine unbezwingbare Lust, Gäste zur schlemmrigen Tafelei einzuladen. Und damit wir uns recht verstehen, wenn ich koche, dann hat Betty Bossi in meiner Küche nichts zu suchen! Aber gar nichts! Nein, ich schneide, dünste, gare, backe, püriere und geliere  nach Büchern und Rezepten hochgaulmillaulisierter Kochkünstler.

So auch neulich. Auf dem Küchentisch, vor eventuellen Fett- und Heidelbeerspritzern sorgsam geschützt, das neue Buch eines dieser Gastronomie-Heroen, daneben aufgetürmt Gemüse, Früchte, spezielle Zutaten, Gewürze und Kräuter, Fisch-, Rinds- und Schweinsteile, allerlei Öle und Weine, literweise Halb-, Voll- und Doppelrahm usw.

In Herdnähe, nach Verwendungsreihenfolge aufgeschichtet, rund dreiundzwanzig Pfannen, Mixer, Fleisch- und Gemüsemesser, Abtropfsiebe, Rühr- und Schöpfwerkzeuge.

Die schönen Bilder des Kochbuchs vor Augen, machte ich mich ans Werk, am Abend sollten meine Gäste ja schliesslich pausenlos in begeisterte Ahs und Ohs ausbrechen.

Nur: kochen ist das eine, ein Kochbuch zu verstehen jedoch das andere! Sicher gefühlte siebenundsechzig Mal eilte ich mit mehligen, öligen, panierten, gewürzten, gedoppelrahmten und weingebeizten Fingern von der Küche zum PC um irgendwelche Fachausdrücke zu googeln: Matignon? Gourmet-Whip? iSi-Bläser? Shiso? Peppadew? Espuma? GN-Geschirr? Brunoise? Tomatenwasser abräumen? Konfieren? Mirepoix? Tomatieren? Arrosieren? usw.

Das entlockt Ihnen bloss ein müdes Lächeln? Ihnen sind diese Begriffe bestens vertraut? Nun, dann sind Sie wahrscheinlich Emmentaler und kochen immer so. Schliesslich lautet der Titel des Buchs ja auch „la haute cuisine de l’emmental“.

Item, nach acht Küchenstunden sahen die angerichteten Speisen jedenfalls ziemlich appetitlich aus (im Gegensatz zur Küche) und den Gästen schienen die Köstlichkeiten geschmeckt zu haben, wenn auch, statt der erhofften pausenlosen Ahs und Ohs, bloss ein gelegentliches Mmmmmh zu vernehmen war.

Und als die Gäste dann gegangen waren, die Küche renoviert und das Buch einigermassen entfleckt war, verbrachte ich noch rund zwei Stunden mit der Säuberung meiner Computertastatur, damit ich noch diese Kolumne schreiben konnte.

© Peter Pesche Leu, 27. Dez. 2012


Einladungen machen krank

Man sitzt irgendwo gemütlich in angenehmer Gesellschaft bei einem guten Essen oder bei einem köstlichen Glas Wein und plaudert.

Man plaudert vielleicht ein bisschen über die Wahlen in Amerika, eventuell über die Krise in Europa, kommt dadurch unvermittelt auf die letzten Ferien in Griechenland, Spanien oder Italien zu sprechen, wechselt möglicherweise dann zu sportlichen Themen. Bei abnehmendem oder fehlendem Gesprächsstoff muss mit Sicherheit das Wetter als Diskussionsgrundlage herhalten und wenn auch dieses Thema erschöpft ist, landet man garantiert irgendwann bei den Krankheitsgeschichten.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass, kaum beginnt jemand von einer leichten Erkältung zu reden, plötzlich alle nur noch von Krankheiten sprechen? Von chronischem Kopfweh und höllischem Magenbrennen, von wetterfühligen Narben und Juckreiz auf der Kopfhaut. Und nicht genug damit, ist das Thema einmal auf dem Tisch, ist das Unheil nicht mehr aufzuhalten. Alle scheinen die anderen nun plötzlich mit ihrem Virenbefall, den erlittenen Vergiftungen, ihren zugezogenen Mehrfachbrüchen und kompliziertesten Operationen noch übertreffen zu wollen. Da wird an festlich gedeckter Tafel in blutigsten Farben die teilweise Entfernung des Dickdarms, die missglückte Magenbandmontage unter Halbnarkose oder die dreizehnte Auswechslung des rostigen Hüftgelenks samt Komplikationen geschildert und das durchlittene Martyrium dermassen dramatisch beschrieben, dass man sich wundert, dass irgendwer am Tisch überhaupt noch zu essen und zu trinken in der Lage ist. Und zwar nicht bloss, weil die Erzählungen einem den Appetit rauben, sondern, weil scheinbar allen am Tisch die zur Einnahme und Verwertung fester Nahrung dienenden Organe längst chirurgisch entfernt oder die diversen Gelenke mit Metallplatten und siebzig Zentimeter langen Nägeln vorübergehen versteift worden sind.

Kommt hinzu, dass Fritzens Schilderung des dritten Herzinfarkts beim Zuhörer reflexartig ein verdächtiges  Klemmen in der linken Brust hervorruft, Susis Blinddarmdurchbruch unvermittelt ein Stechen und Drücken in der Bauchgegend auslöst.

Und spätestens zwischen Hauptgang und Dessert wähnt man sich im Wartezimmer des Arztes oder versucht sich heimlich bereits an die Notrufnummer der Ambulanz zu erinnern und in Gedanken das Köfferli für den sicherlich bald bevorstehenden Krankenhausaufenthalt zu packen und schaut sich diskret in der Wohnung des Gastgebers nach dem Defibrillator um oder durchsucht dessen Spiegelschränkli im Badezimmer nach raschwirkenden Schmerztabletten. Man weiss ja inzwischen, wie schnell es gehen kann.

Ja, und dann haben es die Gäste mitunter plötzlich eilig, müssen rasch nach Hause, bevor sie schwindelanfällig an Ort und Stelle kollabieren und das selbstgemachte Schoggimousse können sie leider unmöglich mehr geniessen…

Wozu als Gastgeber also noch aufwändig kochen? Ein Aperitif reicht vollkommen, vorausgesetzt, man lenkt das Gespräch geschickt gleich schon zu Beginn auf die Gesundheit. Die Haupt- und Nachspeise kann man getrost vergessen. Allenfalls ist es ratsam, eine leichte Haferschleimsuppe vorbereitet zu haben und die Bar um drei Flaschen Appenzeller aufzustocken.

Und wenn sich die inzwischen schwer erkrankten Gäste dann doch endlich aus dem Haus geschleppt haben und die Wohnung keimfrei gemacht ist, kann man ja immer noch den Pizzadienst berücksichtigen.

© Peter Pesche Leu, 31. Okt. 2012


Ferien

Ein bisschen Koffern auspacken

Ein bisschen schlafen

Ein bisschen ein Buch lesen

Ein bisschen Wein geniessen

Ein bisschen Motorrad fahren

Ein bisschen mit Freunden plaudern

Ein bisschen fotografieren

Ein bisschen Mails schreiben

Ein bisschen den Liegestuhl in den Garten stellen

Ein bisschen in die Landschaft schauen

Ein bisschen ans Meer fahren

Ein bisschen Federball spielen

Ein bisschen sonnenbaden

Ein bisschen Eidechsen zählen

Ein bisschen singen

Ein bisschen duschen

Ein bisschen Trauben pflücken

Ein bisschen Grappa trinken

Ein bisschen den Liegestuhl in den Schatten zügeln

Ein bisschen shoppen

Ein bisschen tropfende Wasserhahnen reparieren

Ein bisschen spazieren

Ein bisschen nachdenken

Ein bisschen durch Genova flanieren

Ein bisschen aufräumen

Ein bisschen über den Markt bummeln

Ein bisschen schnorcheln

Ein bisschen telefonieren

Ein bisschen faulenzen

Ein bisschen den Sternenhimmel bestaunen

Ein bisschen jassen

Ein bisschen träumen

Ein bisschen Töff putzen

Ein bisschen der nervigen Grille zuhören

Ein bisschen Rolle studieren

Ein bisschen auf den Besuch warten

Ein bisschen kochen

Ein bisschen Torino anschauen

Ein bisschen Strassenkarten studieren

Ein bisschen Fliegen jagen

Ein bisschen frühstücken

Ein bisschen schwimmen

Ein bisschen Zigarren rauchen

Ein bisschen putzen

Ein bisschen mähen

Ein bisschen schwitzen

Ein bisschen surfen

Ein bisschen Gelati schlecken

Ein bisschen fremde Katzen füttern

Ein bisschen Kirchen ansehen

Ein bisschen gar nichts tun

Ein bisschen leere Weinflaschen entsorgen

Ein bisschen Musik hören

Ein bisschen Ameisen beobachten

Ein bisschen Milano besuchen

Ein bisschen Kolumnen schreiben

Ein bisschen den Liegestuhl wieder an die Sonne zügeln

Ein bisschen Wespen wegscheuchen

Ein bisschen Kerzen anzünden

Ein bisschen die nächste Inszenierung vorbereiten

Ein bisschen durch Weinberge gehen

Ein bisschen Kehrichtsäcke an die Wand hängen

Ein bisschen fischen

Ein bisschen Pflanzen giessen

Ein bisschen Holz spalten

Ein bisschen lachen

Ein bisschen Sand aus den Schuhen schütteln

Ein bisschen grillieren

Ein bisschen Katzendreck aus dem Garten entfernen

Ein bisschen die Zeitung lesen

Ein bisschen abwaschen

Ein bisschen schlafen

Ein bisschen ins Gebirge fahren

Ein bisschen den Autoschlüssel suchen

Ein bisschen dem Regen zuhören

Ein bisschen Cappuccino geniessen

Ein bisschen Wetterkarten studieren

Ein bisschen Mundharmonika spielen

Ein bisschen Mückenstiche zählen

Ein bisschen nach dem Pullover suchen

Ein bisschen auswendig lernen

Ein bisschen Gasflaschen auswechseln

Ein bisschen ausruhen

Ein bisschen Koffern packen

 

Ferien machen ein bisschen müde

 

© Peter Pesche Leu, 3. Sept. 2012

 


Helden des Sports

Dass ich den Schwingsport mag, ging ja aus einer meiner früheren Kolumnen bereits hervor. Ich mag auch den Boxsport, insbesondere die Kämpfe der Schwergewichtler. Logisch, dass ich am vergangenen Samstag nach der Vorstellung des Freilichttheaters Moosegg schnell nach Hause fuhr, um im Fernsehen wenigstens noch einen Teil des WM-Kampfes zwischen Klitschko und seinem Herausforderer Thompson zu sehen. 

Am Sonntag Nachmittag gönnte ich mir dann abwechslungsweise den grossartigen Tennis-Final aus Wimbledon zwischen „unserem“ Roger und Andy Murray und die 8. Etappe der Tour de France nach Pruntrut.

Alle vier Sportarten faszinieren und begeistern mich, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Beim Schwingen und Boxen bewundere ich die Kraft und die Technik der Athleten. Da wird der/die Sieger/in mittels direkte und oft recht schmerzhaften Körperkontakt erkoren. Wer schneller, kräftiger, geschickter und cleverer ist, gewinnt. Das ist ehrlicher, wuchtiger Kampfsport, wenn gelegentlich zwar auch nach dem Motto „wo rohe Kräfte sinnlos walten“ (jedenfalls beim Boxen).

Ganz anders beim Tennis. Zwar geht’s auch hier um den Kampf Frau gegen Frau oder Mann gegen Mann. Aber ohne direkte Berührung. Der Kampf wird auf Distanz geführt, die Kontrahenten sind durch das Netz voneinander getrennt. Sicher, auch da geht es um Technik, um Kraft, um Ausdauer. Und es geht um mentale Stärke. Faszinierend zu beobachten, wie sich auf der einen Seite Selbstvertrauen aufbaut, auf der andern Seite die Ratlosigkeit und Verzweiflung überhand nimmt. Nicht zuletzt dieser mentale Fernkampf macht den Tennissport so faszinierend.

Die Grössten aber sind und bleiben für mich die Velorennfahrer, da können mich auch die wildesten Dopinggeschichten nicht davon abbringen. 

Kraft, Ausdauer und Technik bilden auch bei den Velofahrern wichtige Voraussetzung. Was ich bei ihnen aber ganz besonders bewundere, ist diese enorme mentale Stärke, dieser Wille, dieses stetige Überwinden des inneren Schweinehunds!

Wie die sich steile Bergstrassen hochquälen! Unter Umständen kilometerlang alleine, nur im Kampf gegen sich selbst! Sicher, wenn das Alleinsein vor dem verfolgenden Feld stattfindet, mag das ja beflügelnd sein. Wenn sie aber abgeschlagen und mit grossem Rückstand knapp vor dem Besenwagen den Berg hinaufschleichen? Oder wenn sie nach Stürzen mit zerfetztem Trikot und blutenden Wunden trotzig weiterpedalen?

Ihr Schwinger, Boxer und Tennisler mögt mir verzeihen, meine Sporthelden sitzen definitiv auf Rennvelos!

© Peter Pesche Leu, 11. Juli 2012


Bähnenmüssige Wertverdrohungen

Hat es Ihnen auch schon Worte, ja, ganze Sätze einfach so verdreht? Nicht beim Schreiben, beim Sprechen! Einfach so! Nun, halb so schlimm, wenn der Versprecher nicht ins Allzublöde oder gar Unsittliche entgleist.

Dümmer hingegen, wenn Schauspieler von solchen Sprachverwirrungen befallen werden, besonders, wenn es sich beim aufgeführten Stück um eine Tragödie handelt.

Bei Lustspielen mag ja ein Versprecher noch zur Komik beitragen, ich hab’s aber schon erlebt, dass die Darstellerinnen und Darsteller ob ihres selbstverschuldeten Sprachpatzers dann selber von Lachanfällen geschüttelt wurden und zur Fortsetzung des Spiels unfähig waren. Peinlich! 

Die meisten Versprecher sind das Resultat von „Spielereien“ übermüdeter Akteure  auf den Proben. Da braucht sich nur mal jemand zu verhaspeln und das gesamte Ensemble überbietet sich unter viel Gelächter beim Produzieren von möglichst originellen Satz- und Wortverdrehungen. Das Dumme daran ist bloss, dass sich diese unsinnigen Schöpfungen als gefährliche Sprachviren in den Gehirnwindungen der Schauspieler einnisten und sich während einer Aufführung unvermittelt bemerkbar machen. So kann sich denn der ursprüngliche Text „sie belegt einen Fernkurs im Sticken…“ plötzlich leicht in ein laut und deutlich ausgesprochenes „…sie belegt einen Sternkurs im Fi…“ verwandeln. Nein, keine Erfindung von mir, sondern in einer Wiener Aufführung der „Pension Schöller“ mit Helmut Lohner passiert. 

Auch mein Ensemble auf der Moosegg ist vor solchen Sprachfallen nicht gefeit. Da gibt’s zum Beispiel die Frau Professor, welche ganz einfach zu sagen hätte: „…ich wollte die Katze noch nicht aus dem Sack lassen! Zumal es sich nicht um eine Katze, sondern um einen Kauz handelt…“ Zu vernehmen war dann allerdings: „…ich wollte die Katze nicht aus dem Kauz lassen…“ Natürlich grosses Gelächter, ratlose Blicke bei der betroffenen Spielerin und in der Folge übermütiges Weiterverdrehen der Sätze bis hin zur mit o geschriebenen Katze. Oder: „Wir waren jedenfalls auch nicht immer früher gewesen!“ Verstehen Sie das? Richtig hiesse es eigentlich: „Wir waren früher auch nicht besser!“ Tja!

Bleibt zu hoffen, dass sich diese Sprachviren während der vielen Aufführungen dieses Sommers in den Gehirnwindungen stillhalten und nicht auf die Zungen meiner Spielerinnen und Spieler gelangen, wenn Sie stervehen, mas ich weine.

© Peter Pesche Leu, 24.5.2012


Zebraistisch gestreiftes Zeitgeschenk

Man soll, so habe ich mir wieder einmal gesagt, geschenkte Zeit sinnvoll nutzen.

Also habe ich einmal die verschiedenen Ablagefächer meines Autos ausgeräumt, geputzt und anschliessend fein säuberlich wieder mit dem Unnötigsten gefüllt, kümmerte mich dann um den angehäuften Müll unter den beiden vorderen Sitzen, fand dabei endlich den längst vermissten Autofeuerlöscher wieder, las dann kurz einen Artikel einer ebenfalls unter dem Sitz zwischengelagerten rund dreijährigen Zeitung, ordnete anschliessend die vier Jacken, drei Pullover, zwei T-Shirts und drei Paar Schuhe, die aus irgendwelchen Gründen den Weg von der hinteren Sitzbank zum heimischen Kleider-, respektive Schuhschrank nie gefunden hatten, sammelte daraufhin die leeren Glas- und Pet-Flaschen im Kofferraum ein, welche ich zwischen dem verstreuten Inhalt eines umgekippten Werkzeugkastens fand, reinigte danach mit einem längst ausgetrockneten Feuchttuch aus den Beständen des Handschuhfachs liebevoll die Innenseite der Frontscheibe und kratzte schliesslich die sechs Autobahnvignetten 2006 bis 2011 von der Windschutzscheibe. Anschliessend wandte ich mich der Aussenhülle des Wagens zu. Nach dem gründlichen Abstauben der Karrosserie mit der alten Zeitung, machte ich mich mit Hilfe des zuvor unter der hinteren Sitzbank gefundenen kaputten Eisschabers an die Säuberung der Winterpneus. 

Noch hatte ich nicht alle vier Räder behandelt, da war’s mit der geschenkten Zeit vorbei, wurde es kurzfristig hektisch. Ich hechtete ins Auto, startete den Motor um loszufahren - da wurde ich erneut mit Zeit beschenkt.

Waren die Zeitspender zuerst zwei Damen, die sich unmittelbar vor meinem Auto in der geschützten Zone des Zebrastreifens angeregt über die verschiedensten Ausverkaufs-Angebote unterhielten, war’s dann ein netter Rentner mit Hut, Stock und Stumpen, der seinem Enkel mitten auf der Strasse liebevoll den Unterschied zwischen Dackel und Bernhardiner zu erklären versuchte. Das neue Zeitgeschenk wiederum, verdankte ich zwei jungen Lehrerinnen und ihrer schnatternden, rund siebenundachtzig Meter langen maibummeligen Schulklasse, sowie einem sturzbetrunkenen Mann in Krawatte, der sich redlich abmühte, zwischen zwei gelben Streifen hochkonzentriert die Schuhe zu binden.

Diese neuerdings gewährte Zeit wollte ich nun nutzen, um diese Kolumne zu schrei – Entschuldigen Sie bitte, aber grad ist der Zebrastreifen endlich für einen Moment frei geworden, Sie haben sicher Verständnis, dass ich die Gelegenheit zur Weiterfahrt nutze. Vielleicht schenkt Ihnen ja auch mal jemand Zeit. Zum Beispiel eine Strassen überquerende Wandergruppe, mit Kartenstudium-bedingtem Picknick-Halt auf der Fahrbahn. Dann nutzen Sie die Zeit und schreiben meine Kolumne weiter… 

© Peter Pesche Leu, 22. März 2012


Ständige Ovationen

Als Kulturschaffender beschäftigt man sich automatisch und regelmässig mit der Applauserei. Fällt der Beifall dünn oder gar ganz aus, fällt unsereiner ja subito in eine tiefe Depression, welche mindestens so lange anhält, wie der erhoffte Applaus hätte anhalten sollen, also tagelang! Man grämt und schämt sich, bezeichnet das Publikum insgeheim als Ignoranten und ungebildete Banausen, die weder Zweck, noch Sinn oder Aussage, ja, überhaupt rein gar nichts verstanden haben. Selbstredend kann’s nie und nimmer an der eigenen Leistung gelegen haben, denn die ist natürlich über jeden Zweifel erhaben. Brandet hingegen frenetischer Applaus auf, badet man genüsslich in den Ovationen, lässt man sich lustvoll feiern. In solchen Momenten gönnen sich Selbstzweifel Urlaub: das fach- und sachkundige Publikum applaudiert schliesslich, also war ich gut. Punkt. 

In der Regel kann man sich ja wirklich darauf verlassen, dass das Publikum am Ende der Vorstellung klatscht. Höflich bis begeistert vielleicht, möglicherweise zurückhaltend bis frenetisch. Aber es klatscht! Buhrufe sind äusserst selten zu hören. Immer häufiger artet der Beifall in regelrechte Publikums-Aufstände aus, werden die Künstler mit Standing-Ovations verabschiedet. Geradezu inflationär. Da stehen zwei, drei auf und schon breitet sich dieser Aufstand über das gesamte Parkett aus. Schier epidemisch. Vielleicht, weil man nach 120 Minuten Ausharrens auf unbequemen Stühlen das Bedürfnis nach Freiübungen hat? 

Früher, als ich noch nicht einmal klein, geschweige denn „Künstler“ war, haben sich Autoren, Komponisten, Schauspielerinnen und Sänger ganze Heerscharen von Claqueuren geleistet, eingeteilt in Spezialisten mit besonderen Aufgaben. Da gab’s z.B. die Tapageurs, welche mit heftigem Applaus Aufsehen zu erregen hatten. Die Connaisseurs wiederum, mussten während der Vorstellung positive Bemerkungen fallen lassen. Dann  gab’s da die Rieurs, die die Umsitzenden mit ihrem „spontanen“ Gelächter anzustecken hatten und es gab die Pleureurs, die für erschütterndes Schluchzen während rührender Szenen zuständig waren. 

Ich werde die guten alten Zeiten übertrumpfen und mir ein Dutzend gut bezahlter Selevereurs (Aufsteher) leisten, die sofort nach Aufführungsende auf die Stühle zu klettern und wie wild zu applaudieren haben. Und ich werde sie jeweils alle in der ersten Reihe platzieren, damit das Publikum ab der zweiten Reihe gezwungen ist, ebenfalls aufzustehen, so es noch bis auf die Bühne sehen will. Und wer gar eine Bockleiter ins Theater mitschleppt um den Schlussapplaus aus luftiger Höhe zu spenden, kriegt den Eintrittspreis zurückerstattet. 

Gehören Sie zu den Trendsettern, praktizieren Sie ab sofort die geleiterte Standing Ovation! Am liebsten natürlich bei meinen Darbietungen. Danke!

© Peter Pesche Leu, 26. Januar 2012


Rasende Zeiten

Nun hört man sie allenthalben wieder klagen und jammern: „Ach, schon wieder Weihnachten!“, „Schon wieder Ende Jahr!“, „Wie die Zeit vergeht!“, oder „Wo die Zeit nur geblieben ist?“

Also, wenn ich mir so anschaue, was ich im zu Ende gehenden Jahr so alles geleistet, erledigt und erlebt habe, muss 2011 eigentlich ein ziemlich langes Jahr gewesen sein. Vieles hat darin Platz gehabt, Schönes, Trauriges, Schlechtes…

Nicht dass ich hier jetzt behaupten will, ich sei gegen das Zeitrasen gefeit, aber immerhin bin ich ernsthaft auf der Suche nach dem Gegenmittel, nach der Zeitbremse, der Entschleunigung. Irgendwie muss die Zeit ja zu stoppen sein, oder zumindest zu verlangsamen.

Zugegeben, ein etwas gar kühner Gedanke angesichts der Papierberge auf, unter und neben meinem Schreibtisch. Vieles davon müsste nämlich noch vor Jahresende erledigt sein, die Zeit dafür dürfte allerdings knapp werden. 

Aha, vielleicht liegt es just daran, dass man die Zeit zu oft an der Zukunft misst, an dem, was man noch zu tun hat, gerne noch unternehmen und keinesfalls verpassen möchte, man sich besonders darauf freut.

Ich kenne so viele Menschen, die sich am Montag bereits schon wieder heftig mit der Planung des nächsten Wochenendes beschäftigen. Sie sind gedanklich dermassen darauf fixiert, dass sie gar nicht merken, dass zwischen Sonntag und Samstag noch weitere fünf Wochentage zu erleben und zu geniessen wären. Diese fünf Tage werden damit vergeudet, dass man sich das Wochenende herbeisehnt, dann macht’s Schwupps und schon ist’s wieder Montag.

Viele treiben das Jahr noch schneller voran, indem sie sich von Urlaub zu Urlaub sehnen. Dann kaum auf den Malediven angelangt, wird schon wieder gejammert, dass die Ferien in zwei Wochen schon wieder zu Ende seien. Würde mich ja nicht wundern, wenn diese Leute, statt am Strand einen anständigen Roman zu lesen, schon den Ferienkatalog der nächsten Saison studieren.

Wissen Sie übrigens, dass es einen „Verein zur Verzögerung der Zeit“ (www.zeitverein.com) gibt? Er wurde 1990 von Professor Dr. Peter Heintel aus Klagenfurt gegründet. Ich weiss nicht, in welchem Jahr der Verein und dessen Mitglieder inzwischen angelangt sind, ob sie die Jahrtausendwende bereits erreicht haben. 

Ich wollte auch schon längstens Mitglied werden, aber bislang fehlte mir halt immer wieder die Zeit, mich anzumelden.

Ich wünsche Euch allen ganz langsame Festtage und einen entschleunigten Jahreswechsel!

© Peter Pesche Leu, 29. Dezember 2011


Requiem für einen Mitarbeiter

Sage und schreibe dreiundzwanzig Jahre hat er uns die Treue gehalten! 

Ich erinnere mich noch genau, wie er 1988 den Dienst angetreten hat. Innert kürzester Zeit war er in unseren Küchenbetrieb integriert, schnell hatte er begriffen, was seine Aufgabe ist und gleich von Beginn weg konnten wir ihn selbständig seine Arbeit tun lassen.

Tag für Tag hat er seither zuverlässig und ohne Murren seine doch recht eintöniges Tagewerk verrichtet. Bei Bedarf war er bereitwillig gar auch nachts einsatzbereit oder legte übers Wochenende problemlos ein paar Sonderschichten ein.  

Und seriös war er! Enorm seriös! Ich sah ihn nie etwas anderes als Wasser trinken. Hahnenwasser! In rauen Mengen! Kein Alkohol! Nie!

Er war loyal und absolut verschwiegen. Obwohl er viele Male heikle Diskussionen mithören konnte, hat er nie Internas oder gar Intimitäten ausgeplaudert. Er war die Verkörperung der Diskretion!

Ich erinnere mich nicht, ihn einmal müde gesehen zu haben. Im Gegenteil, stets machte es den Anschein, als stünde er unter Strom.

Absenzen wegen Krankheit oder Unfall? Falls mich mein nachlassendes Gedächtnis nicht gewaltig im Stich lässt, hat er nie gefehlt, war er stets zur Stelle. 

Es war ein schierer Schock, als sich im vergangenen Winter urplötzlich Probleme mit den Arterien bemerkbar machten. Aber die Spezialisten leisteten ganze Arbeit und kaum operiert, nahm er seine Arbeit mit der gewohnten Zuverlässigkeit wieder auf, als wäre nichts geschehen, schonte sich auch fortan nicht. Und wir waren froh drum! Obwohl ich heute unter leichten Gewissensbissen leide. Hätten wir ihn mehr entlasten sollen? Haben wir ihm zu viel zugemutet?

Vor einer Woche war’s, da ging plötzlich nichts mehr bei ihm. Zusammenbruch, Kollaps. Die Pumpe wollte einfach nicht mehr.

Und diesmal kapitulierten auch die Spezialisten! Eine Transplantation in diesem Alter lohne sich nicht mehr, lautete die brutale Diagnose! 

Heute hat er unser Haus nun verlassen, für immer. Auf schnödem Sackkarren haben sie ihn soeben hinausgerollt und in einen Bus verfrachtet. Er liess es stumm über sich ergehen, klaglos, schicksalsergeben.

Nun stehen wir da in unserer Küche, zurückgelassen, untröstlich, er hinterlässt eine grosse Lücke. Und es wird einige Zeit dauern, bis diese Lücke geschlossen werden kann, denn der neue Geschirrspüler kann erst in einer Woche geliefert werden.

© Peter Pesche Leu, 3. November 2011

 

 

 

 


Loriotisch, aber wahr…

Er:       Ticketservice, Guten Tag…

Sie:      Guten Tag, ich hätte gerne Tickets für das Gotthelf-Stück…

Er:       Da sind Sie wahrscheinlich am falschen Ort, wir spielen Simon Gfeller, Gotthelf wird anderswo…

Sie:      jaja, Simon Gfeller! Den meine ich! Zwei Plätze für Mittwoch…

Er:       Da hat’s nur noch zwei Plätze in der 17. Reihe…

Sie:      Ist das ganz vorne?

Er:       Ganz hinten, respektive ganz oben…

Sie:      Weiter unten haben Sie nichts, mein Mann ist gehbehindert…

Er:       Wenn es Ihnen nichts ausmacht hintereinander zu sitzen, dann…

Sie:      Wir möchten schon gerne nebeneinander. Und am Donnerstag?

Er:       Sieht es ähnlich aus, 2 Plätze nebeneinander nur noch in der 15. Reihe…

Sie:      Ist das weit vorne?

Er:       Nein, die dritthinterste Reihe…

Sie:      Und am Freitag?

Er:       Der Freitag ist ausverkauft…

Sie:      Aha? Warum?

Er:       Halt die zweitletzte Vorstellung…

Sie:      Und hat es da noch Plätze in der ersten Reihe?

Er:       Nein, die Vorstellung ist ausverkauft, Plätze in der ersten Reihe haben wir nirgends mehr…

Sie:      Mein Mann ist drum gehbehindert…

Er:       Ich schaue mal, ob ich für die letzte Vorstellung noch etwas finde…

Sie:      Wann ist die?

Er:       Am Samstag…

Sie:      Und dann spielen Sie nicht mehr?

Er:       Nein, dann ist Schluss, wir haben schon 23 Mal gespielt…

Sie:      Hätte es denn am letzten Freitag noch Plätze gehabt? 

Er:       Nein, die Vorstellung war ausverkauft…

Sie:      Aha, schade! Wir wären gerne gekommen, wir mögen Gotthelf sehr…

Er:       Wir spielen aber Simon Gfeller,  „Eichbüehlersch“…

Sie:      Jaja, das meine ich. Wie sieht’s am Mittwoch aus?

Er:       Wie schon gesagt: Nebeneinander nur noch 17. Reihe, hintereinander 5. und 6. Reihe…

Sie:      In der ersten Reihe haben Sie nichts mehr?

Er:       Nein, tut mir leid…

Sie:      Dann nehmen wir zwei Plätze für Donnerstag, wo sind die?

Er:       15. Reihe, die letzten zwei Plätze…

Sie:      Ist das weit vorne?

Er:       Nein, ganz hinten, die vordersten Plätze sind die erwähnten vom Mittwoch, halt hintereinander.

Sie:      Henu, so nehmen wir halt diese zwei…

Er:       Gerne… (es folgt das ganze Prozedere mit Adresserfassung, Erklärungen zum Wetter usw.) …Vielen Dank für Ihre Reservation, Sie können Ihre Tickets dann an der Abendkasse abholen…

Sie:      Können wir vorher noch etwas essen?

Er:       Sicher, wir befinden uns unmittelbar beim Restaurant…

Sie:      Kann man da am See sitzen?

Er:       Bei uns gibt’s aber keinen See…

Sie:      Aber es heisst doch Seespiele…

Er:       Sie meinen das Gotthelf-Musical?

Sie:      Das habe ich ja gesagt…

(hier endet leider die Kolumne, nicht aber das Telefongespräch)

© Peter Pesche Leu, 8. September 2011


Schwinger mit Biss

Seit Wochen wird  allenthalben wieder geschlunggt, gezogen und gebrienzert  was die Schwingerhose hält.

Dass ich selber keine Karriere als Spitzenschwinger vorzuweisen habe, ist lediglich einem bedauerlichen Zwischenfall aus meiner frühesten Jugendzeit zuzuschreiben.

Bloss vier jährig, lernte ich die ausgewachsenen Schwinger nämlich bereits das Fürchten. 

Zusammen mit meinen Eltern besuchte ich ein kleines Schwingfest. Mitgeschwungen hat damals auch ein Freund unserer Familie, der später der Götti meiner Schwester werden sollte. (Vielleicht weiss meine Schwester gar nicht, dass sie ihren Götti meinem beherzten Eingreifen zu verdanken hat! Das wäre eigentlich eine Flasche Wein im Nachhinein wert).

Item, besagter Freund des Hauses verfügte nicht unbedingt über eine typische Schwingerfigur und kam deshalb innert kürzester Zeit unter seinen übermächtigen Gegner zu liegen. Nicht auf dem Rücken zwar, wieselflink hatte er sich noch in Bauchlage gerettet , wurde vom riesigen Riesen nun aber heftig bearbeitet. Der Freund des Hauses zappelte, verdrehte die Augen, die Adern am Hals schienen platzen zu wollen, er frass schier das gesamte Sägemehl, hustete und stöhnte. 

Der riesige Riese sass, oder vielmehr lag indes obenauf und tat es ihm bezüglich Stöhnen und Kopfröte gleich, frass aber kein Sägemehl. Kurz, es war ein schreckliches Schauspiel, die Situation erforderte zivilcouragiertes Eingreifen. Zu meiner Verwunderung gedachte aber niemand der umstehenden Erwachsenen zu handeln, nicht einmal meine Eltern, die doch sonst recht schnell zur Stelle waren wenn ich gelegentlich meinen kleineren Bruder verdrosch. 

Beherzt entriss ich mich also dem Griff der mütterlichen Hand, stürzte mich heldenhaft ins Getümmel und schlug dem riesigen Riesen meine Zähne entschlossen in dessen riesigen Oberschenkel.

Der riesige Riese tat einen fürchterlichen Schrei und wälzte sich von seinem Opfer herab, der Freund des Hauses war befreit.

Um mich herum tobte und schrie die Menge. Mag sein, dass ich auch bloss das Schimpfen meiner Eltern vernahm.  

Der totale Triumph, der Kranzgewinn, blieb mir verwehrt und statt mich zum Gabentisch zu führen, riss mich Mutter von dannen und brachte mich schnurstracks nach Hause.

Heute kann ich die Reaktion meiner Mutter gut nachvollziehen, wir hätten nämlich schlicht und einfach keinen Stall für das Siegermuneli gehabt!

© Peter Pesche Leu, 14. Juli 2011

 


Nützliches Wissen!

Glauben Sie jetzt ja nicht, ich hätte keine grösseren Probleme, als über Krawatten zu philosophieren. Trotzdem tu ich’s jetzt. 

Früher waren mir diese länglichen Stoffdinger ja ziemlich verhasst. Ich erinnere mich aber, dass ich mich, trotz heftigem Widerstand, krawattiert konfirmieren lassen musste. 

Das Dasein als sogenannter Künstler verheisst einem gewissermassen Narrenfreiheit, ich wähnte mich als Schauspieler also auf der sicheren, krawattenfreien Seite.

Einer meiner ersten Rollen erwies sich dann allerdings als Fallstrick und führte ausweglos zum verpönten Halsstrick. 

Nun, ich habe die Konfirmation und die besagte Rolle unbeschadet überlebt. Und eines Tages gab’s dann auch für mich wesentlich wichtigere Dinge, als die Auseinandersetzung mit diesem Accessoire männlicher Mode.

So erschütterte es mich nicht, als das weibliche Geschlecht ebenfalls damit anfing, sich gelegentlich einen Stoffstreifen um den zarten Hals zu knoten.

Und, ich gebe es zu, es kam gar der Tag, da auch ich mir ein paar Varianten dieses Halsschmucks zulegte und umband. Natürlich nicht alle gleichzeitig. 

Soweit so gut und unwichtig – könnte man meinen. 

Wären da nicht einige Auffälligkeiten, die mir unheimlich zu denken geben und mir den Schlaf rauben.

Wie eingangs erwähnt, gehörte ich lange Zeit der Fraktion der Antikrawättler an. Und selbstverständlich teilte ich die Krawattierten verächtlich und stur in Kategorien ein:

Typisch Politiker! Typisch Bänker! Typisch Versicherer! Typisch Bünzli usw.

Aber dieses Schubladisieren greift nicht. Spätestens seit sich einzelne National- und Ständeräte eines Tages des Kittels und der Krawatte entledigten! Während der Session! 

Ich tröstete mich damit, dass immerhin hochrangige Regierungsvertreter  den obligaten Halsschmuck tragen und damit mein Schublädlidenken bestätigen.

Nur dieser Iraner will sich einfach nicht an die Normen halten, dieser Ahmadinejad! Oder haben Sie den schon je einmal mit Krawatte gesehen? Nie! 

Gut, der gehört ohnehin einer anderen Kultur an. Typisch! Aber auch auf dieses Argument ist nicht Verlass. Der selbsternannte König aller Könige, der Revolutionär und Wirrkopf Gaddafi erfrecht sich nämlich, gelegentlich Krawatten zu tragen! Und ich bin mir nicht mehr sicher, ob nicht auch Bin Laden unter seinem langen Bart Krawatten versteckte…

Wenn mir in den nächsten Wochen nichts Wichtigeres dazwischen kommt, werde ich die Krawattenforschung weiterführen. Wer weiss, wann solches Wissen plötzlich nützlich wird. Sie werden wieder von mir hören.

© Peter Pesche Leu, 19. Mai 2011


Erschreckend freundlich!

Ich bin ja an und für sich ein recht netter Kerl. Habe ich wenigstens gemeint. Aber die Wahrheit ist, ich bin ein Leute-Grüss-Erschrecker!

Meine Eltern haben mich einst mit konsequenter Strenge zu Anständigkeit und Freundlichkeit erzogen. Damit sie sich meiner nicht zu schämen bräuchten. Als Gewerbetreibende in einer Berner Vorortsgemeinde erachteten meine Eltern Freundlichkeit gegenüber potentiellen Kunden schliesslich als unabdingbare Grundvoraussetzung, ja, als schiere Erfolgsgarantie im Geschäftsleben.

Und weil man in einem Dorf ja ziemlich schnell weiss, zu welcher Familie ein Kind gehört, galt es natürlich die heranwachsende Visitenkarte, also mich, ansprechend zu gestalten.

Lektion 1: Man grüsst! Egal wo, wann und wen. MAN GRÜSST!

Lektion 2: Begegnet man einer Personengruppe, so grüsst man alle zusammen und nicht nur die einen, die man zufällig grad kennt: GRÜESSECH MITENAND!

Lektion 3: Bleibt man für eine kurze Plauderei mal stehen, so gibt man zur Begrüssung sogar die Hand! (Immerhin, die Dreifachküsserei war dazumal noch nicht im Schwange).

Lektion 4: Beim Begrüssen schaut man die Leute an und spricht laut und deutlich!

Dass die traditionellen Sonntagsspaziergänge jeweils nicht in Heiserkeit mündeten, erachte ich rückblickend als Wunder.

Ich geb’s zu, ich habe gegen diese strengen Auflagen ab und an rebelliert und elterliche Strafsanktionen märtyrerhaft über mich ergehen lassen.

Aber irgendwie und irgendwann ist mir dieser Freundlichkeits-Drill in Fleisch und Blut übergegangen und Grüssen wurde mir zur Selbstverständlichkeit.

Warum ich damit jetzt eine Kolumne fülle?

Weil mir der Alltag inzwischen eine weitere Lektion erteilt hat: Wer grüsst nervt! Wer grüsst ist ein Leute-Schreck!

Betrete ich zum Beispiel die Post oder ein Geschäft und verkünde laut, deutlich und gutgelaunt mein „Guete Morge“, so verursache ich bei den drei anwesenden Kunden entweder den sofortigen Herzinfarkt, oder ernte einen strafend-verwunderten Blick. Äusserst selten nur empfange ich einen annähernd freundlichen Gegengruss.

Ganz zu schweigen von Reaktionen, die ich auslöse, wenn ich Fussgänger auf dem Trottoir zu grüssen pflege; sie reichen von Irritation bis zu Feindseligkeit.

Liebe Leute, ein Lächeln, ein freundlicher Gruss kostet nichts und wirkt Wunder! Probiert’s doch auch wieder mal!

© Peter Pesche Leu, 24. März 2011


Ich bin unschuldig! Immer!

Viel nahm ich mir vor für diese erste Kolumne. Ich legte mir eine Liste mit Themen zurecht,  trug sämtliche Abliefertermine in den Kalender ein und formulierte während etlicher Autofahrten im Geiste munter drauflos. Spitzenliteratur wär’s geworden, wären mir die wohlformulierten Sätze nicht im Gedächtnisnebel abhanden gekommen.

Und wie geschieht mir heute, wo doch das Jahr noch nicht mal vier Wochen alt ist? 

Meiner windowsunterstützte Schreibhilfe blinkt mir die dringende Mahnung entgegen: „Kolumne! Gestern!“ Bravo! Schon beim ersten Mal! Das fängt ja gut an! 

Aber ich bin unschuldig! Ich bin nämlich immer unschuldig! Ich focht einen heroischem Kampf gegen die gesamte Zufall-, Unfall-  und Zwischenfall-Armee. 

Beispiel gefällig? Bitte schön!

Des Büros überdrüssig, fuhr ich eines Nachmittags heimwärts, heftig gewillt, den Rest des Tages in geistiger Schwerarbeit dem Kolumnisieren zu frönen. Mangels Energie verweigerte meine bereits erwähnte hochtechnologische Schreibkraft aber jegliche Kooperation, das rettende Kabel ist unauffindbar, wahrscheinlich von der Katze gefressen. 

Pflichtbewusst, man wartet ja in Langnau auf meine geniale Kolumne, mache ich mich also wieder auf die Reise ins Büro, stelle nach halber Strecke jedoch fest, dass sich mir der Büroschlüssel unfreundlicherweise nicht angeschlossen hat. Ich sehe mich also gezwungen, erneut die heimatlichen Gefilde anzusteuern.

Dort hat die zweitbeste aller Ehefrauen (die beste bleibt ja Kishon vorbehalten) die Wohnung inzwischen verlassen und verschlossen. Mein Hausschlüssel aber hängt  am selben Bund wie… - na ja Sie ahnen’s schon. 

Wer auch nur einen Funken Ehre im Leib hat, oder gar zwei, wie ich, gibt in solcher Notlage nicht auf. In eisiger Kälte ausharrend, kritzle ich mit klammen Fingern meine erste Kolumne auf ein Papiertaschentuch, hole mir dabei aber einen zünftigen Schnupfen der umgehend den zweckbestimmten Einsatz des manuskriptigen Tüchleins erfordert.

Glauben Sie mir, liebe Redaktion, es wäre eine wunderbare erste Kolumne geworden! Und pünktlich wäre sie angekommen! Ganz sicher!

© Peter Pesche Leu, 27. Januar 2011

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